Tour de France : Religion schlägt Realität

"Es hat etwas Spirituelles": Der französische Journalist Jean-Louis Letouzet erklärt, warum seine Landsleute die Tour weiter umjubeln.

Anke Myrrhe
Radsport
Quälende Romantik. Die Zuschauer leiden mit den Radprofis. -Foto: AFP

BerlinBerlin - Jean-Louis Letouzet kann die ganze Sache nur noch mit „amusement“ betrachten. Er ist Radsportexperte bei der französischen Tageszeitung „Libération“ und berichtet schon seit Jahren von der Tour de France. „Le Cyclisme“, der Radsport, ist seine Leidenschaft, wie die der meisten Franzosen. „Es ist der schönste Sport, den es gibt“, sagt Letouzet. „Die Ausreißergruppen, die Spannung am Ende einer Etappe, der Kampf um das Gelbe Trikot – und das über drei Wochen durch ganz Frankreich.“ Man müsse diesen Sport eben einfach lieben.

Aber wie viele andere Journalisten auch ist Jean-Louis Letouzet durch die zahlreichen Doping-Skandale, die die Tour seit einiger Zeit jährlich erschüttern, gezwungen, seine Berichterstattung zu verändern. Auch wenn die linke „Libération“ schon immer eher kritisch berichtet hat, geht es allen französischen Zeitungen so: Einen Fokus nur auf aktuelle Etappenberichte – also rein sportliche Berichterstattung von der Tour – kann sich selbst die französische Sportzeitung „L’Equipe“, die zu den Mitveranstaltern der Tour gehört, inzwischen nicht mehr erlauben. Dennoch bleibt Letouzet Franzose und damit Radsportfan.

Warum das so ist? Warum dieser Sport so eine große Popularität genießt? Letouzet hat darauf eine fast philosophische Antwort: „Der Sport ist menschlich, es gibt viele Vergleiche, die man zwischen dem Radsport und dem menschlichen Leben ziehen kann. Diese Aufs und Abs, das hat fast etwas Romantisches. Das macht den Reiz für die Fahrer aus – und vor allem für die Zuschauer.“ Im Zentrum steht dabei selbstverständlich der Fahrer, der Einzelkämpfer, der zum Märtyrer wird, sich bis zum Umfallen quält. Die Zuschauer können sein Schicksal für drei Wochen teilen, leiden und hoffen mit ihm. Dieser Reiz löst auch in vielen anderen Ländern eine Begeisterung aus, besonders in den klassischen Radsportnationen wie Italien und Spanien.

Die Grande Nation aber übertrifft sie alle, die Tour de France versetzt das Land Jahr für Jahr in einen Ausnahmezustand. Seit 1903 durchgeführt, ist die Tour immer mehr zum nationalen Sportereignis geworden, ein unantastbares Monument, das nicht erschüttert werden kann und darf. „Es ist ein nationales Spektakel, der Großvater geht mit seinem Enkel an die Strecke, das hat eine lange Tradition“, sagt Letouzet. „Die Tour gehört zum kulturellen Erbe Frankreichs.“ Doch nicht nur das, er glaubt auch: „Radsport ist in Frankreich wie eine Religion, die Leute glauben daran, es hat etwas Spirituelles.“ Rückschläge wie die Dopingskandale der Vergangenheit können die Menschen nicht davon abhalten, „in die Kirche zu gehen. Natürlich gibt es immer Menschen, die ihren Glauben verlieren, aber der Großteil eben nicht.“

Es ist wahr, dass es in der langen Geschichte der Tour immer Doping gab, lange bevor die Öffentlichkeit begann, sich dafür zu interessieren. Doch im Rückblick geraten diese Dinge in Vergessenheit, man erinnert sich an die großen Schlachten, die die Helden der Vergangenheit ausgefochten haben, an die einzigartigen Jagden und Sieger. „Die Menschen sehen mehr das Spektakel, sie haben einen Kompromiss gemacht und sich an die Dopingpraktiken und die Skandale gewöhnt“, sagt der Journalist, „Es gibt keine Wahrheiten im Radsport, das wissen die Franzosen. Aber die meisten interessiert das nicht. Sie wollen weiter ihr Spektakel, ihre Tour. Sie gehört einfach zu Frankreich dazu. Ob mit oder ohne Doping.“

Eine flächendeckende Abwendung vom Radsport, wie sie seit den Enthüllungen um T-Mobile im vergangenen Jahr in Deutschland vonstatten geht, hält er in Frankreich für unmöglich. „Das Einzige, was die Franzosen davon abhalten könnte, nicht mehr jubelnd an der Strecke zu stehen, wäre eine atomare Katastrophe“, sagt er lachend und man merkt dennoch, dass er es so meint. „Die Tour ist und bleibt das Spektakel, das ist es, was die Leute sehen wollen, der Rest ist beinahe egal.“ Als Journalist aber hat er, wie viele andere auch, nur noch eine Strategie: „Man muss es mit Amüsement betrachten. Wenn du als Journalist die sportlichen Leistungen noch ernst nimmst, riskierst du jeden Tag, dich lächerlich zu machen, wenn der Fahrer am nächsten Tag erwischt wird.“

Als einfacher Franzose aber bleibt auch Jean-Louis Letouzet ein großer Fan des Radsports, denn so kennt er es – von Kindheit an.

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