Tour de France : Suspekte Verbindungen

Cadel Evans wurde erst Achter, dann Vierter, dann Zweiter. Jetzt ist er Favorit der Tour – aber ein Idol?

Sebastian Moll[Brest]

Der Trubel um seine Person bereitete Cadel Evans sichtbar Unwohlsein. Unruhig rutschte der Radprofi auf seinem Stuhl hin und her. Ein gutes Dutzend Fernsehkameras, ein Mikrofonwald nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, ein bis in die letzte Ecke mit Reportern vollgequetschter Saal: so viel Aufmerksamkeit ist der Mann aus Australien nicht gewohnt. Doch Evans wird sich daran gewöhnen müssen. Da Titelverteidiger Alberto Contador und Teamkollege Andreas Klöden mit ihrer Skandaltruppe Astana in diesem Jahr nicht zur Tour de France eingeladen wurden und Michael Rasmussen sowie Floyd Landis gesperrt sind, ist der Zweite der Rundfahrt von 2007 plötzlich der Titelfavorit. So entschuldigte sich Evans beim Tourstart in Brest erst einmal, dass er sich in den vergangenen Wochen so rar gemacht hatte. „Ich versuche nur ein wenig, ich selbst zu bleiben. Aber ich verstehe, dass es ein Privileg ist, ein Idol zu sein.“

Evans wird von den Experten als der heißeste Anwärter auf den diesjährigen Tour-Sieg genannt. Ob er wirklich ein Idol ist, ist umstrittener. Nach der vergangenen Tour stand er zwar als aufrechter Kämpfer unter lauter Betrügern da. Bei näherer Betrachtung seines Werdegangs ist es aber fraglich, ob Evans tatsächlich als Symbolfigur für den Neuanfang taugt, den die Tour-Veranstalter so dringlich herbeizureden versuchen.

Gestern begann die Tour mit den alljährlich gleichen Bildern von schönen Landschaften und einem umstrittenen Sieger. Die erste Etappe gewann ausgerechnet der Spanier Alejandro Valverde. Er wird mit dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht, der 50 Radprofis mit unerlaubten Mitteln zur Leistungssteigerung verholfen haben soll.

Konkrete Verdachtsmomente gegen Favorit Evans gibt es nicht. Nur verdächtige Verbindungen: Evans begann als Mountainbiker am Australian Institute of Sport, jener Kaderschmiede, die Australien im Hinblick auf die Spiele von Sydney mit Anleihen beim Fördersystem der DDR errichtet hatte. Nachdem in Sydney eine Medaille ausgeblieben war, wechselte Evans auf die Straße zum italienischen Team Squadra Mapei und erregte Aufsehen, als er bei der Italienrundfahrt 2002 auf der 17. Etappe die Führung verlor.

Nach diesem Auftritt heuerte das Team Telekom Evans als Helfer für Jan Ullrich an. Allerdings kam es nie dazu, Teamchef Godefroot nominerte Evans nicht für die Tour, weil dieser so oft stürzte. T-Mobile ist systematische Manipulation nachgewiesen worden. Das Team Mapei, das mittlerweile aufgelöst wurde, stand ebenfalls stets unter dem Verdacht des systematischen Dopings, Mannschaftsmitglieder wie der belgische Weltmeister Johan Museeuw wurden überführt. Außerdem ist da Evans’ Manager Tony Rominger, der selbst zu seinen Profizeiten unter Betrugsverdacht stand und der unter anderem auch die überführten Doper Patrick Sinkewitz, Alexander Winokurow und Matthias Kessler unter Vertrag hatte. Gerüchte über eine Verbindung von Evans zum italienischen Wunderdoktor Michele Ferrari stellten sich jedoch als falsch heraus. Dennoch muss Evans wohl damit leben, dass man ihm mit einer gewissen Skepsis begegnet.

Hohe Ziele hat Cadel Evans dennoch: Bei seinem Tour-Auftakt 2005 wurde er für seine jetzige Formation, die belgische Mannschaft Silence Lotto, Achter. Es folgten ein vierter ein zweiter Rang. Jetzt will Evans diese Platzziffer erneut halbieren.

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