Tour de France : Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre besser

Eigentlich sollen Helfer die Fahrer bei der Tour nicht aus den Augen lassen – doch das System hat Lücken. Schuld daran ist nicht zuletzt der Machtkampf zwischen der Tour-Organisation ASO und dem Radsportverband UCI.

Sebastian Moll[Cholet]

Im vergangenen Jahr, als sein Rennen zu implodieren drohte, markierte Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme noch den starken Mann. Alles, aber auch wirklich alles, werde er tun, um seine Veranstaltung zu schützen, donnerte er in die Mikrofone, als er bei einer Pressekonferenz den Rausschmiß der Skandal-Mannschaft Astana bekannt- gab. In diesem Jahr hört man Prudhomme während der ersten Tage der Rundfahrt nur wenig über den Kampf gegen das Doping sprechen. Stattdessen beklagte er sich in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Figaro“ darüber, dass das Thema von einer hysterischen Medienmeute über die Maßen aufgeblasen würde. Prudhomme möchte lieber über den schönen Radsport reden.

Vielleicht liegt seine Leisetreterei auch ein wenig daran, dass er seinen markigen Worten aus dem vergangenen Jahr keine entsprechend drastischen Taten hat folgen lassen. Das Dopingkontrollsystem, mit dem Prudhomme seine Veranstaltung in diesem Jahr zu schützen sucht, ist alles andere als wasserdicht. In der Kritik steht während der ersten Etappe vor allem das Chaperon-System, das eine Manipulation zwischen Ende des Rennens und der abzugebenden Probe ausschließen soll. Helfer sollen die Athleten nicht aus den Augen lassen, bis sie in die Becher der französischen Anti-Doping-Behörde AFLD pinkeln.

Die Chaperone scheinen in diesem Jahr jedoch von ihrem Job überfordert. So brachten sie den jungen deutschen Sprinter Gerald Ciolek nach der zweiten Etappe zur Dopingprobe, obwohl dieser gar nicht ausgelost worden war. Sie hatten ihn mit seinem Mannschaftskollegen Kim Kirchen verwechselt. Der Sieger der ersten Etappe, der unter Dopingverdacht stehende Alejandro Valverde, ließ seinen Chaperon eine gute Stunde lang hinter sich herlaufen, während er in aller Ruhe Interviews gab und telefonierte.

Ursache dieser Pannen ist letztlich der Machtkampf zwischen der Tour-Organisation ASO und dem Radsportverband UCI. Christian Prudhomme entzog in diesem Jahr der UCI, bislang auch bei der Tour für Dopingkontrollen verantwortlich, die Hoheit über sein Rennen. Stattdessen wurde die AFLD und der französische Verband FFC beauftragt, die jedoch auf eine so große Aufgabe nicht ausreichend vorbereitet zu sein scheinen. So sind die Chaperons Angestellte einer privaten Sicherheitsfirma, die bislang eher mit Gebäudeschutz betraut wurde, als mit der Beaufsichtigung internationaler Sportveranstaltungen. Prudhommes Begründung für die Abkehr von der UCI war, dass der Verband die Tour nicht ausreichend vor Skandalen schützt. Nun sieht es aber so aus, als wäre es vielleicht besser gewesen, die Kontrollen beim Weltverband zu belassen. So hat sich die Tour durch den Zank selbst des nach Expertenmeinung wirksamsten Instruments beraubt, das es in der Dopingbekämpfung derzeit gibt – des von der UCI entwickelten Blutpasses nämlich. Nach dem Bruch weigert sich die UCI, die für den Blutpass erhobenen Fahrerdaten an die AFLD weiterzugeben. Bei den Tests für den Pass in diesem Frühjahr sollen 23 Fahrer aufgefallen sein – einige davon dürften bei der Tour dabei sein. Nicht wenige im Tour-Tross halten den französischen Sonderweg deshalb für einen Rückschritt im Dopingkampf. Bob Stapleton, Besitzers des Teams High Road, sagt etwa: „Die Dopingbekämpfung gehört in die Hände einer objektiven internationalen Institution.“ Nach den Erfahrungen der ersten Tour-Tage muss man dem wohl zustimmen.

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