Sport : Tour de France: Was Ullrich die Tour vermasseln kann

Hartmut Scherzer

Der Beste ist nur so gut wie der Fünfte. Und der zählt heute im Ziel des Mannschaftszeifahrens. Jan Ullrich kann auf den 70 Kilometern in der Bretagne zwischen Nantes und der Hafenstadt Sainz-Nazaire gegenüber Lance Armstrong also durchaus Minuten einbüßen, wenn das Team Telekom nicht mit der gleichen Power in die Pedale tritt wie die Neun vom US Postal Service. Die "Amerikaner" scheinen bärenstark im Kampf gegen die Uhr, was sie gleich zum Auftakt demonstriert haben: Armstrong 2., Watscheslaw Ekimow 7., Tylor Hamilton 9., Kevin Livingston 24. Auch Once ist mit Laurent Jalabert (3.), David Canada (5.) Abraham Olano (10.), Nicolas Jalabert (15.) und Ivan Gutierrez (16.) bestens gerüstet. Und Telekom? Nach Ullrich (4.) war mit weitem Abstand Steffen Wesemann der Zweitschnellste - als 36. im Zeitfahren auf der ersten Etappe.

"Jan darf nicht zeigen, wie gut er drauf ist, sondern muss aufpassen, dass er die anderen nicht kaputt fährt", warnt Rudy Pevenage, der Sportliche Leiter. Keinen verlieren, heißt die Devise. Nur zusammen sind sie stark. Diszipliniert, ausgeglichen und harmonisch - so muss die Mannschaft funktionieren. Nur ein homogenes Team wird erfolgreich sein. "Die, die sich am stärksten fühlen, müssen sich die Führungsarbeit teilen", sagt Pevenage. Die Zeit des Fünften wird gewertet. Nachzüglern wird ihr Rückstand angerechnet. Wer das Zeitlimit (Siegerzeit plus 25 Prozent) überschreitet, kann nach Hause fahren. "Es ist eine neue Erfahrung für unsere Mannschaft", sagt Lance Armstrong. "Die Formation, wer in welcher Position fährt, ist wichtig. Taktik ist erforderlich. Die Strecke ist flach, gerade, windig." Und lang. Die Vergangenheit habe gezeigt: "Es wird eine Auslese geben und manche Mannschaften werden einige Minuten verlieren." Armstrong hat eigens für diesen "time trial" das Team verstärkt (Ekimow) und mit ihr auf dem Kurs trainiert.

Der Wettbewerb, erstmals seit 1995 wieder im Streckenplan der Tour, ist umstritten und wird leicht unterschätzt. "Das Mannschaftszeitfahren", behauptet Tony Rominger, "verfälscht die Tour." Der einstige Schweizer Radstar weiß, wovon er spricht. Vor sieben Jahren wurde der große Herausforderer Miguel Indurains ein Opfer dieser Disziplin. Zwei Helfer, eigens fürs Zeitfahren eingekauft, hatte Rominger durch Sturz bereits verloren. Nur noch zu siebent war seine spanische Mannschaft (Clas) am Start - ein großes Handikap. Eine Strafminute vergrößerte obendrein den ohnehin gewaltigen Rückstand. Rominger erinnert sich: "Du bekommst einen psychologischen Knacks und schreibst das Gelbe Trikot schon nach der vierten Etappe ab." Die Folge: Rominger war so weit zurückgefallen, dass er dann beim Einzelzeitfahren fünf Etappen später sechs Stunden vor Indurain auf die Strecke musste, bei Sturm und Hagel, während beim Spanier die Sonne schien. Der Schweizer gewann zwar zwei Alpenetappen, besiegte Indurain sogar im abschließenden Zeitfahren, eroberte das Bergtrikot und beendete die Tour als Zweiter - aber fünf Minuten hinter dem großen Spanier. Die Zeit, die er durch die Tücken des Team-Wettbewerbs eingebüßt hatte, war nicht mehr aufzuholen. "Auch diesmal wird es wieder einen großen Verlierer geben", prophezeit Rominger. Es könnte Marco Pantani sein. Oder vielleicht Jan Ullrich?

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