Tour de France : Wasserträger und Werbeträger

Radsport ist eine patriarchalische Angelegenheit. Die Tour-Teams und ihre Vorstellung von Führung.

Tom Mustroph[La Grande-Motte]

Radsport ist eine patriarchalische Angelegenheit. Es gibt den Mann, der das Geld gibt und dafür die Männer mit den Rädern schuften sehen will. Der russische Biermillionär Oleg Tinkoff ist so ein Exemplar. Wenn der Mann, der die anderen gern zum Tanzen bringt, das nötige Geld als Bewegungsgmittel nicht besitzt, dann hat er zumindest das Talent, jemanden aufzutreiben, der es ihm in die Hand drückt. Dieser klassische Typ des Rennstallchefs wird von ehemaligen Radprofis wie Johan Bruyneel (Astana), Marc Sergeant (Silence Lotto), Erik Breukink (Rabobank), Bjarne Riis (Saxo Bank) oder Marc Madiot (Francaise des Jeux) verkörpert.

Sie strukturieren ihre Mannschaften so, wie sie selbst es während ihrer Profikarriere erfahren haben: Es gibt den Boss und die Wasserträger. Wer zählt, ist ganz allein der Boss. Der hat die richtigen Gene, das ausreichend große Herz und genügend Fasern der roten Muskulatur, die ihn zu großen Taten bei großen Rundfahrten prädestinieren. Auch wenn er wie etwa Riis dafür gedopt sein musste und später nicht mal Reue zeigte.

Für diese Rolle bekommt der Boss das meiste Geld und schöne Werbeverträge. Kameras und Mikrofone suchen sein Gesicht. Und er selbst hat ein gehöriges Wörtchen dabei mitzureden, wer ihn massieren, wer ihm das Wasser bringen und auch, wer überhaupt mit ihm Kontakt haben darf.

Als Gegenleistung schultert dieser Boss den ganzen Berg der Erwartungen. Er ist der Held im Falle eines Sieges – und der absolute Versager, wenn es nicht so läuft, wie all die denken, die auf ihn gesetzt haben. Wer für einen Boss fährt, wie etwa ein Andreas Klöden, der hat es gut. Er muss nur als Rädchen im System funktionieren. Wer mehr vom Leben erwartet, muss selbst zum Boss werden. Oder Glück haben. Wie Simon Geschke. Der Sohn der Bahnlegende „Tutti“ Geschke nimmt bei Skil Shimano seine erste Tour de France in Angriff. „Einen Boss haben wir nicht. Es gibt einfach keinen bei uns, der bei der Tour ganz vorne sein kann”, erklärt der Berliner. Für ihn ist es aber ideal so. „Es ist einfacher. Jeder von uns kann sein eigenes Rennen fahren. Man muss nicht darauf achten, wo der Kapitän gerade steckt”, sagte er am Start in Marseille.

Doch halt! Es gibt Modernisierungsbestrebungen im Radsport. Der Rennstall Columbia THC hat mit einer veränderten Struktur zuletzt die meisten Siege errungen. „Bei uns gibt es den einen Chef nicht. Jeder Fahrer erhält zu Saisonbeginn einen Plan mit seinen Zielen. Dabei wird jeder mal vom gesamten Team unterstützt wird und muss mal Aufgaben für die anderen erfüllen”, sagt Columbia-Sportdirektor Rolf Aldag. Die Vorteile dieser Methode liegen auf der Hand: Jeder einzelne ist motiviert, weil er weiß, im Saisonverlauf seine Chance zu bekommen. Profi-Fahrer waren in ihrer Jugend schließlich alle Siegfahrer. Erst die berufliche Spezialisierung teilte sie in Wasserträger und Werbeträger.

Wenn Radprofis nicht zu reinen Pflichterfüllern degradiert werden, behalten sie den Spaß an ihrer Arbeit und können ihre Renninstinkte weiter ausprägen. Die ganze Mannschaft ist zudem nicht nur vom Wohlbefinden des Bosses abhängig. „Bei anderen ist das so: Wenn der Kapitän keine Lust hat, nehmen alle die Beine hoch. Wenn bei uns der Kapitän keine Lust, dann hilft er den anderen”, sagt Rolf Aldag. Viele eigenständige Köpfe tun also auch dem Radsport gut.

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