Sport : Tour de France: Wie General Schwartzkopf in der chinesischen Armee

Sebastian Moll

Kevin Livingston ist guter Dinge. Entspannt nimmt er am zweiten Ruhetag der Tour de France gegen zehn Uhr sein Frühstück ein, plaudert, kaut sein Croissant und flachst mit Mannschaftskameraden und Journalisten. Dabei ist der Amerikaner aus St. Louis/Missouri ansonsten eher ein schüchterner, zurückhaltender Typ. Doch heute sind alle Fahrer gut aufgelegt. Das Schlimmste ist vorbei, fünf schwere Bergetappen in sechs Tagen. Die Tour ist entschieden, es geht nach Paris.

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Bilder von der "Großen Schleife" "Richtigen Spaß" habe die Rackerei an den Hängen der Alpen und Pyrenäen gemacht, "es war großartig, mit Jan Ullrich zu fahren, wie er immer wieder attackiert hat, nicht lockergelassen hat. Er hat uns mit seiner Moral alle mitgerissen." Dass es dabei gegen seinen ehemaligen Chef und früheren Freund Lance Armstrong ging, hat Livingston nicht gestört. Als Profi kann er das Persönliche vom Privaten trennen. "Ich habe meine Aufgabe, und die muss ich erfüllen, egal, ob ich meinen Boss nicht mag oder vielleicht mein Gegner mein Freund ist."

Vielleicht hat Livingston diese Erkenntnis auch aus den Erfahrungen gewonnen, die er mit Lance Armstrong gemacht hat. Seit der Zeit in der amerikanischen Jugend-Nationalmannschaft kannten sich die beiden, zusammen gingen sie als unternehmungslustige Jungprofis nach Europa, um dort Rennen zu fahren. Bei den Mannschaften Motorola und Cofidis standen sie zusammen auf der Lohnliste und galten als unzertrennlich. Und während Armstrong auf dem Krankenbett um sein Leben rang, war Livingston für ihn, wie er in seiner Autobiografie schreibt, sein wichtigster Freund.

Als Armstrong nach seiner Genesung begann, mit finanzieller Unterstützung der amerikanischen Post ein Team zusammenzustellen, war sein alter Freund Livingston der erste, den er auf der Gehaltsliste haben wollte. Um zusammen trainieren zu können, zog Livingston sogar in Armstrongs Heimatstadt Austin in Texas. Im Sommer, während der Rennen in Europa, lebten beide gemeinsam mit ihren Familien in Nizza.

Doch im vergangenen Jahr zerbrach die Freundschaft. Zu eng war das Verhältnis geworden, als dass Armstrong das Private vom Beruflichen noch hätte trennen können. Livingston wollte zur englischen Mannschaft Linda McCartney wechseln: "Es war ein Traum von mir, einmal als Kapitän zu fahren und nicht immer nur als Helfer." Doch der Traum platzte. Die Mannschaft meldete noch vor der Unterzeichnung von Livingstons Vertrag Konkurs an. Dankbar nahm Livingston das Angebot vom Team Telekom an, um nicht die neue Saison als Arbeitsloser beginnen zu müssen.

Seither ist das Verhältnis zwischen Armstrong und Livingston gestört. Mit einem Wechsel von General Schwartzkopf zur chinesischen Armee verglich Armstrong den Entschluss von Livingston, bei der Equipe von Jan Ullrich anzuheuern. Nicht weniger als Hochverrat war das, was sein Freund da getan hatte, aus Sicht von Armstrong. "Es tut mir Leid, dass er nicht versteht, dass ich eine rein berufliche Entscheidung getroffen habe", sagt Livingston. Doch der sagt: "Ich konnte mir keine Gedanken darüber machen, ob Lance das versteht oder nicht. Es ging nicht um ihn, es ging um mich."

Mit seinem neuen Chef Jan Ullrich hat Livingston nach nur einem halben Jahr keineswegs ein so ein enges Verhältnis wie vormals zu Armstrong. Als Kapitän findet er ihn jedoch "nett, freundlich und einen echten Kumpel". Mit Armstrong, lässt er durchblicken, sei das nicht immer so gewesen. Der Träger des Gelben Trikots ist als ein harter Hund bekannt, als einer, der in seiner Erfolgsbesessenheit mit seinen Fahrern nicht gerade sanft umgeht. "Ich verlange sehr viel von mir selbst", hatte Armstrong in diesem Frühjahr in einem Interview zugegeben. "Deshalb ist es logisch, dass ich von meinen Männern die gleiche Professionalität erwarte. Ich kann dabei ein strenger Chef sein, aber nur so werden aus mittelmäßigen Fahrern gute Helfer."

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