Tour de France : Wie wichtig ist ein Sieg für Armstrong?

Bei dieser Tour de France interessiert nur Lance Armstrong. Wie wichtig ist es für ihn, bei seinem Comeback zu siegen?

Mathias Klappenbach

BerlinWenn man kämpfen muss, hat man oft die Kontrolle über etwas verloren. Zu siegen heißt, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Lance Armstrong hat oft gesiegt in seinem Leben. Er ist einem prügelnden Stiefvater entkommen und Radprofi geworden, schon mit 22 Jahren war er Weltmeister. Dann kam der Hodenkrebs, der ihm eine fünfzigprozentige Überlebenschance ließ. Armstrong wählte nicht die damals übliche Chemotherapie, weil die als Nebenwirkung eine Verringerung seiner Lungenkapazität zur Folge gehabt hätte, eine Fortsetzung seiner Karriere als Radprofi wäre wohl nicht möglich gewesen. Der Krebspatient Armstrong ging den ganz brutalen Weg, und er gewann auch seinen größten Kampf. Der hat ihn verändert. Armstrong kehrte zurück und gewann das härteste Rennen, die Tour de France, unmögliche sieben Mal hintereinander. Die Szene, die für all diese Siege steht, ereignete sich im Jahr 2003. Auf einer Bergetappe verfing sich eine Tüte eines Zuschauers im Lenker von Armstrong, der stürzte. Aber er stand wieder auf, um mit einem plötzlichen Energieschub an den anderen Profis förmlich vorbeizurasen und als Erster im Ziel zu sein. Spätestens da haben alle gelernt, dass sie ihn niemals schlagen werden.

Wenn sie es denn überhaupt wollen. Als Armstrong in diesem März bei einem Rennen stürzte, war auch bei anderen Fahrern die Sorge groß, dass der Einzige, der ihnen noch Aufmerksamkeit verschaffen kann, wegen seines Schlüsselbeinbruchs die Tour, die an diesem Samstag startet, verpasst. Denn der Radsport ist außer Kontrolle, er braucht Armstrong viel mehr als Armstrong den Radsport.

Sein Comeback hat der bald 38-Jährige im vergangenen September bei der Jahrestagung der „Clinton Global Initiative“ bekannt gegeben, wo wichtige Entscheider aus Regierungen und Wirtschaft über Themen wie Klimaerwärmung oder Aids beraten. Ein standesgemäßer Rahmen, um das Comeback in das Zeichen von Armstrongs neuem großen Kampf, den gegen Krebs, zu stellen. Armstrong hat mit seiner Krebsstiftung „Livestrong“ bereits mehrere Hundert Millionen Dollar gesammelt. Die Stiftung wird in den USA von Behörden kritisiert, weil sie einen zu hohen Anteil ihrer Gelder für Marketing ausgibt. Und Lance Armstrong tritt auch als Redner auf, im Namen der Stiftung und im Namen von Lance Armstrong. Sein persönliches Honorar pro Auftritt beträgt 200 000 Dollar. Er steht vor einer politischen Karriere und wird schon jetzt abwechselnd als Senator oder als Gouverneur gehandelt. In Amerika ist er zuallererst ein Krebsüberlebender, der dann auch noch dieses Radrennen in Europa gewonnen hat. Zu Hause wird es für Lance Armstrong auch dann noch viel zu kontrollieren geben, wenn er nicht mehr in Europa Rad fährt.

Der Texaner ist bestens mit der Politik vernetzt, das erfordert die Steuerung von Kommunikation. Darin war er schon immer ein Meister. Es gab im Laufe der Jahre viele Kritiker, die ihn des Dopings bezichtigt haben, investigative Rechercheure, ehemalige Zimmergenossen, andere Profis. Es gelang Armstrong, einige mundtot zu machen, andere diskreditierte er oder bedrohte sie im Fahrerfeld sogar, sich nicht mit ihm anzulegen, er könne ihre Karriere zerstören.

Diese Macht hatte und hat er. Im März ließ Armstrong einen Dopingkontrolleur 20 Minuten lang warten, angeblich um zu duschen. Für ein vergleichbares Vergehen, das Manipulationen ermöglicht, ist vor Kurzem der deutsche Eishockeynationalspieler Florian Busch für zwei Jahre gesperrt worden. Für Armstrong, der auch im Weltradsportverband großen Einfluss hat, gab es keine Konsequenzen.

Dem sinkenden Interesse an der Tour de France steht in diesem Jahr die faszinierende Figur Lance Armstrong entgegen. Zwar glaubt erst einmal niemand daran, dass er all seine früheren Siege, die ohnehin alles andere als zweifelsfrei sind, dadurch entwerten würde, dass er sich beim Dopen erwischen lässt. Aber könnte es nicht doch sein, dass er dieses Risiko eingeht, wenn etwa Armstrongs Team-Kollege und Tour-Favorit, Alberto Contador, sich erdreistet, schneller zu fahren als der große Patron? Und wenn: Der oberste Kontrolleur Armstrong würde sich wohl kaum von gewöhnlichen Doping-Kontrolleuren erwischen lassen. Auf diese Nachricht werden Sensationslüsterne vergebens warten.

Armstrong sagt, dass er auch zufrieden sei, wenn er 18. würde und seine Stiftung viel Aufmerksamkeit erlange. Aber jeder weiß, dass er auch dieses Mal unbedingt siegen will. Kann der alte Mann das nicht, wird er damit leben müssen, die Tour de France nicht mehr zu kontrollieren.

Aber es ist doch nur dieses Radrennen. Gegner finden sich überall.

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