Sport : Tour de France: Zabel und die halben Sachen

Hartmut Scherzer

Wenn die Tour rollt, hat Erik Zabel Geburtstag. An seinem 25. feierte der Berliner den ersten seiner acht Etappensiege. Wenn an diesem Samstag, seinem 31. Geburtstag, die 88. Tour de France in Dünkirchen losfährt, dürfte die Frohnatur nicht zum Feiern aufgelegt sein. Einmal ist Zeitfahren nicht sein Ding. Zum anderen wurde ihm mit seinem Sprintpartner Gian-Matteo Fagnini auch die rechte Freude an seiner achten Tour de France genommen. "Eine Art GAU für mich. Jeder Mann wird für Jan Ullrich und das große Ziel gebraucht, die Tour zu gewinnen."

Weil Zabel aber "ein Freund von ganzen Sachen" ist, hat er sogar daran gedacht, selbst zu Hause zu bleiben, "nach dem Motto: Entweder man macht es richtig oder gar nicht". Er hat sich letztlich zu halben Sachen durchgerungen ("Ich habe schließlich einen Vertrag zu erfüllen") und muss sich allein ins Getümmel der Massensprints stürzen und durchkämpfen. Zum sechsten Mal in Folge des Grüne Trikot zu gewinnen, wäre für ihn daher "sicherlich ein Wunder". Seine Markenfarbe nach Paris zu tragen, sei auch nicht mehr das Ziel. "Nicht mehr für mich persönlich. Aber für das öffentliche, und daran muss ich mich orientieren. Ich muss mich mit der Situation vertraut machen, Paris zu erreichen, aber ohne Grünes Trikot."

Jan Ullrich hat Priorität, worüber Erik Zabel durchaus verbittert sein kann. Als der Kapitän die Deutsche Meisterschaft in Bad Dürrheim zur Chefsache erklärte, musste Zabel innerhalb weniger Tage ein zweites Mal zurückstecken und auf den Zweiersprint verzichten. "Ich wollte nicht Deutscher Meister werden, weil Jan gesagt hat, dass er Deutscher Meister werden will", sagte er sarkastisch. Dabei fühle er sich wohl in dem Team. "Und dann tun gewisse Entscheidungen doppelt weh."

Wenn es um Ullrich geht, ist Zabel immer der Benachteiligte. Dabei hält der Sprinter mit seinen prestigeträchtigen Siegen schon zu Saisonbeginn dem Team Telekom und seinem Star für den Rest des Jahres den Rücken frei. Mit einem Sieg in San Remo ist die Saison für die Mannschaft des Kommunikationskonzerns bereits gesichert, noch ehe sie richtig auf Touren kommt. In Italien heißt Erik Zabel daher "Imperatore San Remo", der Kaiser von San Remo. Seit fünf Jahren ist Erik Zabel der Herrscher auf der Via Roma. Seit 1997 gewann der Berliner mit Wohnsitz Unna viermal den Frühjahrsklassiker und wurde nur einmal - 1999 - Zweiter.

Zabel sitzt die ganze Saison über mit Siegesambitionen im Rennsattel, manchmal sogar von Januar bis November, von der australischen Rundfahrt "Down Under" bis zum Sechstagerennen in München. Seit seinem Profidebüt 1993 hat Zabel 139 Straßensiege im Magenta-Trikot eingefahren. Wie Ullrich muss sich auch Zabel jedes Jahr durch die Tour quälen - aber im Gegensatz zum Telekom-Star nach einem vollen Frühjahrsprogramm. Grün hat er abgeschrieben. Aber wenigstens zum neunten Mal eine Etappe gewinnen will Erik Zabel schon. Das ist er seinem Ehrgeiz schuldig.

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