Sport : Tour der Generationen

Die älteren Radfahrer verteidigen ihre Plätze

Tom Mustroph[Les Rousses]
Seht her, ich kann’s noch. Zwei Etappen hat Alessandro Petacchi gewonnen. Foto: dpa
Seht her, ich kann’s noch. Zwei Etappen hat Alessandro Petacchi gewonnen. Foto: dpaFoto: dpa

Für den zweifachen Etappensieger Alessandro Petacchi, stolze 36 Jahre alt, ist die Tour de France ein Jungbrunnen. 2:2 steht das Duell mit dem elf Jahre jüngeren und vorschnell als haushoch überlegen eingeschätzten Briten Mark Cavendish. Für den 38-jährigen Lance Armstrong stellt diese Frankreichrundfahrt dagegen eine Stufe auf einer abwärts führenden Treppe dar. Einst war der Rennstall des US-Amerikaners das Herz der Tour: Fans drängten sich am Gitterzaun, um einen Blick auf den Star und seine Wasserträger zu erhaschen.

In diesem Jahr wenden sich die Fans anderen Objekten der Zuneigung zu. Wie sehr der frühere Tour-Dominator auf Normalmaß geschrumpft ist, musste er dieser Tage erfahren, als Alberto Contador zaghaft an die Tür zum Teambus von Radioshack klopfte und Armstrong sowie dessen Manager Johan Bruyneel je eine Breitling-Uhr im Wert von 2000 Euro als Dank für die Hilfe beim Toursieg 2009 überbrachte. Die Botschaft, die Contador mit diesem Geschenk vermittelte, lautet: Lance, du bist der Helfer. Ich bin der Boss.

In der verflossenen Dekade befand sich Armstrong in der Position des Geschenkeverteilers. Er gab seinen Helfern Uhren und Erinnerungsmedaillen. Der Weltradsportverband UCI erhielt einmal vor acht Jahren 25 000 Dollar und ein weiteres Mal im Jahre 2005 100 000 Dollar. Das erklärte UCI-Präsident Pat McQuaid dem Branchendienst „Cyclingnews“. Bislang gab die UCI nur eine einmalige Spende von 100 000 Dollar zu. McQuaid erklärte zwar: „Ich schließe aus, dass Lance jemals von uns eine Vorzugsbehandlung erhielt.“ Weil die UCI aber nur scheibchenweise mit der Wahrheit herausrückt, bleibt der Verdacht, dass hinter der doppelten Zahlung mehr steckt als nur die wohltätige Geste eines Millionärs. Anrüchig ist, dass ein des Dopings verdächtigter Athlet der Institution, die für die Kontrollen verantwortlich ist, erhebliche Geldsummen überweist.

Doch um an Contador vorbeizukommen, reicht für Armstrong gegenwärtig kein Geld der Welt. Der Spanier ist physisch und mental stärker. Eingangs des Hochgebirges, das sein Revier ist, liegt er 50 Sekunden vor Armstrong. „Für uns kommt es jetzt darauf an, die Schäden so gering wie möglich zu halten“, sagt Radioshack-Treamchef Johan Bruyneel.

Armstrong steht vor einer Metamorphose. Um Contador und den noch weiter vorn platzierten Luxemburger Andy Schleck zu Fehlern zu zwingen, muss der Mann, der es bis zur Perfektion beherrschte, ein Rennen zu kontrollieren, nun zum Angreifer mutieren und für Überraschungselemente sorgen. Altmeister Petacchi hingegen kann so weitermachen wie bisher. Ihn lotst der gleichaltrige Danilo Hondo geschickt an den Gefahrenstellen im Sprintfinale vorbei.

Zu viele Lorbeerkränze sollte man auf die langsam ergrauenden Häupter aber nicht legen. Petacchi und Hondo sind wie Armstrong Vertreter der alten, massiv von Blutdoping verseuchten Rennfahrergeneration. Anders als Armstrong ließen sich Hondo (mit der Abhärtesubstanz Carphedon) und Petacchi (mit dem Lungenfreimacher Salbutamol) erwischen. Petacchi ist in diesem Frühjahr erneut ins Visier der Dopingermittler geraten.

Welche Schlüsse die Alten aus ihren einstigen Fehlern gezogen haben, bleibt ihr Geheimnis. Ihre Präsenz verleiht dem Peloton der Tour France interessante, aber auch beunruhigende Zwischentöne. Weil ihre Altersgenossen mittlerweile den Sport von den Lenkrädern der Begleitfahrzeuge aus dirigieren, ist nicht einmal klar, ob sie kippende Figuren des Übergangs darstellen oder die eigentlichen Konstanten im System sind.

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