Trabrennsport : Benjamin Hagen: Auf der Zielgeraden

Der Berliner Benjamin Hagen startet heute beim Deutschen Derby in Mariendorf. Wo Gas und Bremse zu finden sind, weiß er im Sulky besser als im Auto.

Katja Reimann

Berlin - Autofahren, das überlässt Benjamin Hagen lieber den anderen. Zu eng, zu kompliziert, zu unübersichtlich, befand er, als er sich vor Jahren doch einmal hinters Steuer setzte. Den Himmel will er über sich sehen, zwei Zügel in der Hand, Schlammspritzer im braungebrannten Gesicht, ein Pferd vor sich, so fühlt er sich wohl. Geschwindigkeit? Gerne. Aber lieber mittels einer Pferdestärke.

Seit 18 Jahren schon ist der Berliner Benjamin Hagen, 37, Trabrennfahrer von Beruf. Ein harter Job, denn nur, wer Erfolge vorweisen kann, bekommt gute Pferde angeboten. Und nur, wer schnelle Pferde hat, kann beginnen, von großen Siegen zu träumen. Auch bei Hagen dauerte es ein paar Jahre, bis er in der oberen Riege der Trabrennfahrer ankam, bis die Altmeister seines Sports, ein Heinz Wewering, ein Gerhard Biendl, begannen, dem Mann im gelb-schwarzen Blouson auf der Bahn auch mal den Weg freizumachen.

Und nun, pünktlich zum diesjährigen Deutschen Derby am Sonntag auf der Trabrennbahn Mariendorf, könnte Benjamin Hagen, der ein Halbbruder ist von Nina Hagen, eigentlich ein bisschen überschnappen. Denn er hat sich qualifiziert für die Teilnahme am wichtigsten Rennen im deutschen Trabrennsport. Mit Heros, einem dreijährigen Hengst, der talentiert ist und seit Beginn des Jahres von Rennen zu Rennen immer besser wird. Ein „Traumpferd“, meint Hagen.

„Etwas größeres als einen Derbysieg, das gibt es nicht“, sagt er und kneift die braunen Augen zusammen. Hagen sitzt neben der Rennbahn in Mariendorf, seinen Helm hat er auf den Kopf zurückgeschoben, seitlich baumelt daran eine verspiegelte Sonnenbrille. Es ist Sonntag, der erste Renntag der Derbywoche. Gerade hat er ein Pferd auf der Sandbahn aufgewärmt, ist „heat“ gefahren, wie sie das hier nennen, gleich wird er wieder aufspringen, ein Rennen fahren, zurückkommen, sich wieder für ein paar Minuten setzen. Zeit für eine Zigarette. Für eine von viel zu vielen, die er am Tag raucht, erzählt er fröhlich.

Mit Heros könnte es funktionieren, könnte der Berliner das Derby vielleicht sogar gewinnen. Aber Benjamin Hagen spricht das lieber nicht laut aus. Wer sich Erfolge hart erarbeitet hat, der hütet sich vor Wunschdenken. Ein Favorit? Nein, wohl nicht. Allein, dabei zu sein, das freut ihn schon.

Immerhin, Hagen und Heros verstehen sich gut. Ihr erstes Rennen in Mariendorf in diesem Jahr, im Mai, haben die beiden gewonnen. Es sei ein Pferd, das mitkämpft, sagt der zierliche Fahrer über Heros, der im Stall von Alwin Schockemöhle wohnt, in Mühlen. Im Gegensatz zum Auto weiß Hagen im Sulky nur zu gut, wo Gas und Bremse zu finden sind. Zieht er dem Pferd über eine dünne Schnur die sogenannte Zugwatte aus den Ohren – Stöpsel, die den Pferden vor dem Rennen in die Ohren gesteckt werden – dann erschrickt sich Heros nicht nur ein wenig, sondern hört auch Hagens Stimme. Er weiß, das heißt: Gib Gas.

Vor dem Rennen beschäftigt sich der Fahrer mit den Gegnern. Um zu wissen, wer leicht die Nerven verliert und wessen Pferd früh an Tempo verlieren könnte. „Ein Rennen lesen“, nennt er das. Sich eine Taktik zu überlegen macht ihm Spaß. Genauso wie das Training und die Wettkampfvorbereitung der Pferde auf der Trabrennbahn in Karlshorst, wo Hagen arbeitet, jeden Morgen ab vier.

Schon seit er ein kleiner Junge war, hätten ihn Pferde fasziniert, erzählt er. Zehn Jahre alt war er, als er mit seinem Vater die Rennbahn Karlshorst im Osten Berlins erstmals besuchte. Jahre später wollte er Schmied werden, das klappte nicht. So lernte er Stahlbauschlosser, dann kam die Wende. Und jemand von der Rennbahn fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, als Fahrer-Lehrling anzufangen. Hatte er.

Zweimal wurde er Berliner Lehrlingschampion, ehrgeizig ist er bis heute. „Wenn ich in einer Woche mal kein Rennen gewinnen kann, dann bekomme ich schlechte Laune“, sagt er. Doch als dreifacher Familienvater sieht er manches inzwischen gelassener: ein Rennen ist ein Rennen ist ein Rennen. Und ein Sieg, der könnte schon im nächsten wieder möglich sein.

Das 114. Deutsche Traberderby beginnt heute um 12.30 Uhr auf der Trabrennbahn Mariendorf.

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