Sport : Tradition in Silber

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Robert Ide über die verlorene Natürlichkeit des Spitzensports

Früher war die Sache einfach. Wer im Sport etwas Außergewöhnliches leistete, der wurde geschmückt. Schlicht und schön in den Farben der Natur. Am Anfang wurden Blätter von Olivenbäumen gepflückt, um Spitzensportler zu ehren, später Lorbeerblätter. Heute ist alles anders. Nach einem olympischen Wettkampf gibt es prunkvolle Zeremonien und Medaillen und Blumensträuße und Stoffteddybären. Auf ganz erfolgreiche Athleten wartet danach die öffentliche Ehrenrunde: Presseinterviews, Fernsehauftritte, Werbeverträge. Längst ist der Marktwert zum Statussymbol des Sports geworden. Ziemlich unnatürlich, oder?

Aber zum Glück gibt es noch den Bundespräsidenten. Der kümmert sich um Traditionen und Werte. Am Montag verlieh Johannes Rau 120 Sportlerinnen und Sportlern das Silberne Lorbeerblatt. Im prächtigen Schloss Bellevue, auf altem Parkett und umrahmt von goldenen Kerzenhaltern, überreichte Rau die höchste Auszeichnung des deutschen Sports. Danach gab es eine Show mit Filmen, Theatereinlagen und Musik vom Blechbläserquintett der Bundeswehr. „Fröhlich soll es sein und nicht verbissen“, rief Rau den Ausgezeichneten zu. Ja, beim Sport kann es schon mal locker zugehen. Soll doch alles ganz natürlich aussehen. Dennoch: Wenn sich Politik und Sport auf einer Bühne treffen, ist das eine ernste Sache. Rau jedenfalls erinnerte eindringlich an die deutsche Nationalhymne, die vor 50 Jahren zum ersten Mal gesungen wurde. Danach erhoben sich die Sportler und stimmten das Deutschlandlied an. Tradition verpflichtet eben.

Seit 1950 wird das Silberne Lorbeerblatt verliehen. Bundespräsident Theodor Heuss zeichnete als ersten Einzelsportler den Springreiter Fritz Thiedemann aus, als erste Mannschaft wurde der damalige Fußballmeister VfB Stuttgart geehrt. Inzwischen erhalten jährlich etwa 100 Sportler das kleine funkelnde Wappen. Große n sind nicht immer darunter. Eine gehörlose Fußballmannschaft wurde von Rau ebenso dekoriert wie die blinde Skiläuferin Verena Bentele. Die 20-Jährige aus dem baden-württembergischen Tettnang hatte bei den Paralympics vier Goldmedaillen gewonnen. Gemerkt hat das kaum jemand. Bis zum Montag. Da stand sie vor dem Bundespräsidenten, suchte tastend nach seinen Händen, und als sich beide endlich fanden, fingen sie an zu lachen. Es war das schönste Bild des Tages – das natürlichste.

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