Sport : Tradition kontra Kommerz

JÖRG WENIG

Athen setzt auf kulturelle und historische Argumente / Kandidaten für Olympia 2004VON JÖRG WENIG ATHEN.1896 fanden im Rahmen der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit dort die Fechtwettkämpfe statt.Gut 100 Jahre später ist das Athener Zappion der Sitz des griechischen Bewerbungskomitees für die Spiele 2004.So manchen Strauß mußten die Griechen in den letzten Wochen indirekt gegen den früheren Erzfeind Rom ausfechten, der sich ebenfalls um Olympia 2004 bewirbt und, so schien es, als Favorit in das Rennen geht.Nach der Leichtathletik-WM war es besonders der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), der Italiener Primo Nebiolo, der die Athener Gastgeber kritisierte.Doch er stand in seiner Pauschalkritik ziemlich alleine auf weiter Flur.Insgesamt gesehen, war die Leichtathletik-WM sehr gut organisiert und hat damit die Athener Olympiabewerbung gestützt und die Position der Stadt verbessert.Vor allen Dingen haben die Griechen eindrucksvoll bewiesen, daß sie die Möglichkeiten haben, ein sportliches Großereignis zu organisieren.Dies rechnete ihnen auch IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch an. Die Geschichte hätte eigentlich schon vor acht Jahren für Athen sprechen müssen.Damals bewarb sich die Mittelmeer-Metropole um die Jahrhundertspiele 1996, für die schließlich Atlanta den Zuschlag bekam - obwohl doch in Athen 1896 die ersten Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten.Nach der damals gescheiterten Bewerbung nehmen die Griechen nunmehr einen neuen Anlauf.Und diese Bewerbung für 2004 wird allgemein als wesentlich stärker eingeschätzt als der Versuch vor acht Jahren.Zu jenen Persönlichkeiten des Sports, die die Bewerbung Athens unterstützten, zählt die britische Mittelstrecken-Legende Sebastian Coe."Die Griechen hatten immer starke historische und kulturelle Argumente, die für Olympia in ihrem Land sprachen - besonders natürlich bei der Bewerbung für die Spiele 1996.Ich glaube an die Tradition, und deswegen möchte ich nicht, daß die Olympischen Spiele zu irgendeiner kommerziellen Weltmeisterschaft werden", sagt Sebastian Coe, heute Politiker der Konservativen Partei. Stolz können die Athener verkünden, daß bereits jetzt 72 Prozent der für Olympia benötigten Sportstätten vorhanden sind und sogar 93 Prozent der Trainingsanlagen.Die Qualität ist dabei durchaus beeindruckend.Der Sportkomplex mit dem neuen, 1982 gebauten Olympiastadion im Nordosten der Stadt war in den letzten Jahren Schauplatz einer Reihe von internationalen Höhepunkten.Europameisterschaften in der Leichtathletik, im Boxen, im Basketball, im Schwimmen oder im Turnen gehören ebenso dazu wie diverse Weltmeisterschaften oder das Finale der Champions League im Fußball.Im Bereich dieses Sportkomplexes, in dem zum Beispiel die Entscheidungen in der Leichtathletik, im Schwimmen, Turnen oder Basketball ausgetragen werden sollen, soll sich auch das Medienzentrum befinden.Kurze Wege sind ein wichtiger Faktor.Als zweites Sportzentrum dient der Athener Küstenbezirk Faliron.Hier sollen unter anderem die Kampfsportarten stattfinden.Nur wenige Wettbewerbe müßten außerhalb des Großraums Athen veranstaltet werden.Am weitesten von der Stadt entfernt wäre die Regattastrecke für Rudern und Kanu, die etwa 40 Kilometer vom Zentrum in Schinias am Golf von Marathon vorgesehen ist. Als Minuspunkt galt bisher die Infrastruktur der vier Millionen Einwohner zählenden Stadt.Doch deutliche Verbesserungen sind in Arbeit, Athen gleicht an manchen Stellen Berlin: Es sieht aus wie auf einer einzigen Baustelle.Unabhängig davon, ob das IOC die Spiele an die Griechen vergibt oder nicht, wird die Stadt in erster Linie von drei großen Verkehrsprojekten profitieren.Noch besteht das U-Bahn-System aus einer einzigen Linie quer durch die Stadt bis zu Küste.Bis zum Jahr 2000 sollen zwei neue Linien mit 21 Stationen hinzugekommen sein.Ein Jahr später soll eine große Ringstraße fertig gestellt sein, mit der der enorme Verkehr in der Innenstadt eine Entlastung finden dürfte.Die Ringstraße verbindet unter anderem den Komplex am Olympiastadion mit dem alten Panathinaikos-Stadion und Faliron.In rund drei Jahren wird das dritte Projekt fertig sein: Der neue Flughafen liegt südwestlich von Athen und wird mit einer Autobahn direkt mit dem Olympiakomplex sowie der Ringstraße verbunden sein. Die Athener hoffen, daß sich die Luftverschmutzung mit der Fertigstellung der Verkehrsprojekte erheblich verbessern wird.Nur eines läßt sich nicht verändern: Die Hitze ist im Juli und August extrem.Olympische Spiele in Athen dürften, aus Rücksicht gegenüber Athleten und Zuschauern, eigentlich erst Ende August beginnen."Atlanta, das war so schlecht - das war schon wieder lustig.Ich glaube, Olympische Spiele werden niemals so gut organisiert sein wie diese Leichtathletik-Weltmeisterschaften", hatte ein US-Journalist gesagt.Die Griechen hoffen, daß sie sich noch einmal beweisen können.

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