Sport : Traditionell im Chaos

Wieder hat der Eishockey-Klub Berlin Capitals Schulden, wieder ist die Zukunft ungewiss

Ingo Schmidt-Tychsen,Claus Vetter

Von Ingo Schmidt-Tychsen

und Claus Vetter

Berlin. Lorenz Funk schien es irgendwie geahnt zu haben. Um die Weihnachtszeit herum, da würden sich noch viele über die Capitals wundern, hatte der Präsident des Eishockey-Oberligisten im Sommer gesagt. Wundern darf sich der Betrachter tatsächlich über das, was sich derzeit bei den Capitals abspielt. Der Klub ist wieder einmal in finanziellen Schwierigkeiten, von 200 000 Euro Schulden und lockerer Zahlungsmoral ist nicht nur die Rede: Die Trainer haben in dieser Saison erst ein Gehalt erhalten, den Spielern fehlt das Novembergehalt. Die Situation ist kritisch für die Capitals, die Zukunft in der Oberliga unsicher.

Natürlich hatte Funk auf ein anderes Wunder gehofft. Knapp zwei Jahre ist es her, da stürzten die Capitals aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Sportlich und auch finanziell. Funk war nach dem Niedergang derjenige, der den Neuanfang forcierte. Es ging in der Regionalliga weiter. Mit vielen Siegen, vielen Fans und viel Tamtam: Der Präsident selbst ließ sich mit 55 Jahren und 120 Kilo Einsatzgewicht zu einem Comeback überreden. Spaßtempel Deutschlandhalle. Dem Lenz fiel immer etwas ein, damit sein viertklassiger Klub in die Schlagzeilen stolperte.

Doch dann stiegen die Capitals auf, der Spaßfaktor wurde geringer. In der Oberliga wird kein Hobby-Eishockey mehr gespielt. Der Klub hatte von Saisonbeginn an Probleme, mit der Konkurrenz mitzuhalten. Das Saisonziel, Platz fünf, der zur Teilnahme an der Meisterrunde berechtigt, ist kaum noch zu schaffen. Trainer Andreas Brockmann stellt nüchtern fest, dass „unser Saisonziel einfach zu hoch gesteckt ist“. Ein beachtlicher Teil des Kaders besteht aus Spielern, die aus der eigenen Jugend stammen. „Körperlich sind uns die Teams alle überlegen“, meint Brockmann. „Uns fehlt halt das Geld für stärkere Spieler.“ Und nicht nur da fehlt zurzeit das Geld. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde eine 200 000 Euro große Lücke im eine Million Euro großen Etat vermeldet. Grund seien Schulden aus der vergangenen Saison und vor allem ausbleibende Sponsorengelder. Zwei Hauptsponsoren des Klubs sind insolvent. Das führt zu ernsthaften Problemen. So hatte Funk etwa mit dem Hotel Berlin – einem der insolventen Sponsoren – per Handschlag vereinbart, dass einer seiner Spieler dort auf Kosten des Hauses logieren darf. Diese Abmachung interessierte den Insolvenzverwalter allerdings nicht, nun flatterte den Capitals eine Hotelrechnung ins Haus.

Es sind Probleme, die sich angekündigt haben. „Die Kalkulation erschien mir zu Saisonanfang realistisch, aber ich habe den Eindruck, dass die Höhe der Spielergehälter nicht dem Leistungsstand der Spieler entspricht“, sagt Michael Walter, zurückgetretenes Vorstandsmitglied. Die Spieler haben nun zugesagt, auf 20 Prozent ihres Gehaltes zu verzichten. Kapitän Marco Rentzsch wechselte aber bereits zum Ligarivalen REV Bremerhaven. Gegen den Wechsel gab es keinen Widerstand. Funk war nicht da, als der Spieler auf der Geschäftsstelle nachfragte, was denn nun sei. Ein Vorstandsmitglied bedeutete Rentzsch: „Du kannst gehen.“

Schon lange ist klar, dass bei den Capitals hinter den Kulissen Machtspiele stattfinden. Der langjährige Sportwart Klaus G. Scheerer und Walter traten deshalb zurück. Der Neuanfang hat bei den Capitals nach dem Absturz aus der DEL nie stattgefunden – so sieht es die Konkurrenz. „Wir können die Probleme im Berliner Eishockey nicht mit den Leuten lösen, die die Probleme kreiert haben“, hat Eisbären-Trainer Pierre Pagé kürzlich bei einer Fernsehdiskussion zu Funk gesagt. Offensichtlich hat bei den Capitals keiner hingehört. Von offizieller Seite wird die momentane Lage verharmlost. „Wir haben in der Vergangenheit schon wesentlich größere Probleme gehabt. Mit dieser Situation werden wir locker fertig“, meint Vorstandsmitglied Klaus-Werner Riemer. „Wir verhandeln bereits mit neuen Sponsoren.“ Immerhin, die Capitals spielen trotz aller Kapriolen erst mal weiter Eishockey in der Oberliga: Gestern kam der ES Weißwasser in die Deutschlandhalle und wurde 4:0 besiegt. Die Fans kommentierten das Geschehen auf ihre Weise: Bis auf ein paar „Vorstand raus!“-Rufe schwiegen sie während des gesamten ersten Drittels.

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