Sport : Traditionell kläglich

Wie bei vergangenen Turnieren scheitert Russland vor allem an sich selbst

Michael Rosentritt[Faro]

Die kleine russische Delegation hatte es plötzlich eilig. Trainer Georgi Jarzew raste durch die Katakomben des Estadio Algarve wie einst als Spieler im Sturm von Spartak Moskau. Ihm hinterher jagte der teigige Presseattaché des Teams, der im Hasten erfolglos versuchte, sein rot-weiß-blau gestreiftes Jackett auszuziehen. Schließlich blieb Jarzew vor einer Kamera eines Landsmannes stehen und sagte: „Einige Spieler meines Teams haben heute nicht gekämpft. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht haben.“

Es ist leicht vorstellbar, wie der Tag für die russischen Spieler nach der 0:1-Auftaktniederlage gegen Spanien aussehen mag. Vor allem wird sich Jarzew seine Abwehr vorknöpfen, die die Bezeichnung eigentlich nicht verdient hatte. Einzig Kapitän Alexej Smertin vom FC Portsmouth hinderte die Spanier am heiteren Toreschießen. Dabei ist Smertin gar kein gelernter Verteidiger, sondern Mittelfeldspieler. Aber was sollen die Russen machen, nachdem ihnen kurz vor der Europameisterschaft in Viktor Onopko und Sergej Jgnaschewitsch die komplette Innenverteidigung ausfiel? Und was, bitte schön, hatte eingedenk dieser Schwächung Torhüter Sergej Owtschinnikow vor drei Tagen zu folgender Aussage bewogen: „Es gibt einen klaren Außenseiter bei diesem Turnier, das ist Lettland, während Russland klarer Favorit auf den Titel ist. Sie mögen lachen, aber ich glaube ernsthaft an unsere Chance.“

Nun, wie sich die Russen in ihrem ersten Spiel präsentierten, steht zu befürchten, dass sie ähnlich kläglich in der Vorrunde scheitern wie vor zwei Jahren bei der WM in Asien, als sie in der wohl leichtesten Gruppe mit Belgien, Tunesien und Japan chancenlos geblieben waren. „Jetzt muss ich überlegen, ob ich alles richtig gemacht habe“, sagte Jarzew. In den ersten 30 Minuten des Spiels wirkten seine Spieler nervös, ja fast schon verschüchtert. An fehlender körperlicher Fitness kann es nicht gelegen haben. In Russland wird Fußball nach dem Kalenderjahr gespielt. Die Saison begann im März, sie wird nach der EM fortgesetzt. Die Spanier hingegen haben eine lange Spielzeit in den Knochen und Köpfen. Trotzdem wirkten sie körperlich frischer und gedanklich schneller. „Ich weiß nicht, was phasenweise los war. Vielleicht hatten meine Spieler zu großen Respekt vor den großen Namen der Spanier“, sagte Jarzew. Allein Dimitri Alenitschew von Champions-League-Sieger FC Porto hielt dagegen. Der 31-Jährige hatte in seinem 51. Länderspiel die beiden einzigen echten Torchancen der Russen.

Georgi Jarzew wird seine Spieler mental aufrichten müssen. Behilflich sein könnte ihm sein Überzeugungstalent. Das zeigte er im August vorigen Jahres, als er als Nationaltrainer antrat und das drohende Scheitern in der EM-Qualifikation abwendete. Sein Ideenreichtum beschränkte sich damals im Wesentlichen darauf, zwei Altstars zu reaktivieren: Alexander Mostowoj, 35, von Celta de Vigo und eben Dimitri Alenitschew. „Wir sind von Dimitri abhängig“, sagte Jarzew, „er belebt unser Spiel, aber er allein kann es nicht schaffen. Er braucht Verbündete.“ Gegen Spanien fand er diesen nicht mal mehr in Mostowoj. Der Spanien-Legionär verlor viele Bälle, ergatterte sich kaum welche und fiel sonst nur durch ungenaues Passspiel auf. „Mit ihm werde ich reden müssen“, sagte Jarzew.

Der russischen Mannschaft fehlt es vor allem an Siegermentalität. Die UdSSR wurde 1960 erster Europameister überhaupt. 1964, 1972 und noch einmal 1988 wurde sie jeweils erst im Finale bezwungen. Der alte Ruhm ist längst verblasst. Bei den anschließenden Turnieren (1992, 96) scheiterten die Russen jeweils in der Vorrunde, oder aber sie qualifizierten sich erst gar nicht (2000). „Europameisterschaften besitzen in unserem Land einen gewaltigen Stellenwert“, sagte Jarzew. „Wir müssen uns also etwas einfallen lassen.“

Am Mittwoch treffen die Russen in Lissabon auf Portugal. „Die Gastgeber spielen ein ähnliches System wie die Spanier“, sagte der Trainer. Und sie werden nach ihrer Auftakt-Niederlage gegen Griechenland „extrem motiviert“ sein. „Aber das sind wir auch.“

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