Sport : Traditionell negativ

Stefan Hermanns

In der Fachsprache der Psychologie gibt es ein Phänomen, das als selektive Wahrnehmung bezeichnet wird. Was sich kompliziert anhört, ist eigentlich ganz einfach. Im Grunde heißt selektive Wahrnehmung nichts anderes, als dass man immer nur das sieht/hört/riecht, was man ohnehin sehen/hören/riechen will. Am Samstag zum Beispiel im Berliner Olympiastadion: In der 79. Minute wird Herthas Mannschaftskapitän Michael Preetz vom Platz geholt. Die Zuschauer pfeifen, die Zuschauer klatschen. Man kann die Reaktionen unterschiedlich deuten. Pfeifen die Fans auf Preetz? Oder gelten die Pfiffe doch dem Trainer, weil der beim Stand von 1:1 einen Stürmer vom Feld holt? Klatschen sie, um ihre Zustimmung für Jürgen Röbers Entscheidung kundzutun? Oder applaudieren sie Preetz für seinen vorbildlichen Einsatz. Die Interpretation der Zuschauerreaktion hängt wohl entscheidend von der Einstellung zu Michael Preetz ab. Und die ist bei den meisten Hertha-Fans traditionell eher negativ.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de "Ich bin es ja gewohnt, der Buhmann zu sein", hat Preetz nach dem Spiel gegen Freiburg der "Bild"-Zeitung gesagt. Woran das liegt? Preetz ist nicht der gute Kumpel, dem die Anhänger ungefragt den Arm um die Schulter legen. Vielleicht ist er den bodenständigen Fußballfans nicht bodenständig genug. Dabei ist seine Aufgabe auf dem Platz eine der bodenständigsten überhaupt. Michael Preetz schießt die Tore. Nur ist genau das im Moment sein Problem. Denn zuletzt hat er am 4. November getroffen, vor drei Monaten also.

"Das ist eine lange Zeit", sagt er, "das weiß ich selbst." Überhaupt sind es in dieser Saison erst fünf Treffer gewesen, in der vorigen Spielzeit war Preetz mit 16 Toren der beste deutsche Angreifer der Bundesliga. Und noch eines fällt auf: Die Tore, die Preetz in dieser Saison geschossen hat, waren bis auf eines, das entscheidende 2:1 gegen 1860 München, weitgehend bedeutungslos. Ergebniskosmetik heißen solche Treffer bei den Fernsehreportern: In Freiburg traf Michael Preetz zum zwischenzeitlichen 3:0, gegen Cottbus in der 90. Minute zum 2:3-Endstand und gegen Köln und Mönchengladbach jeweils zum 3:0.

Und trotzdem ist es allzu einfach, die derzeitige Misere bei Hertha auf Michael Preetz zu schieben. "Spott und Häme sind fehl am Platz", sagt Trainer Jürgen Röber. "Der Lange bemüht sich, und die Leute sollten auch nicht vergessen, dass er großen Anteil an Herthas Aufstieg hatte." Die Art, wie Preetz jetzt spielt, ist die gleiche, wie er immer schon gespielt hat. Er hängt in hohem Grade von der Zuarbeit seiner Kollegen ab. Für die Zuschauer mag es egoistisch wirken, wenn Preetz im Strafraum auf die passenden Bälle wartet; doch bisher hat die Mannschaft von diesem Egoismus ausreichend Profit geschlagen. So wie Preetz von Flanken und guten Zuspielen abhängt, hängt die Mannschaft von seinen Toren ab.

Das erste Opfer spielerischer Unzulänglichkeiten in Herthas Mittelfeld heißt immer Michael Preetz. Er ist nicht der Typ Stürmer, der sich in Zeiten, in denen es bei Hertha nicht läuft, ins Mittelfeld zurückfallen lässt, sich dort die Bälle holt, auf die Flügel ausweicht, Räume schafft für andere Angreifer. Sein Stil lässt sich auch in Zahlen treffend beschreiben: Michael Preetz hat in seinen ersten vier Bundesligajahren bei Hertha BSC 61 Tore geschossen, aber lediglich 13 vorbereitet.

Im August ist Herthas Mannschaftskapitän 34 geworden. Im Sommer läuft sein Vertrag aus, die Entscheidung über eine Verlängerung trifft er im März, bis dahin will er auch mit Herthas künftigem Trainer Huub Stevens gesprochen haben. Die jüngsten Ereignisse werden die Lust an der Fortsetzung seiner Karriere auf dem Fußballplatz nicht unbedingt vergrößert haben. Doch noch wird Preetz bei Hertha gebraucht. Als sein nomineller Ersatz Ali Daei vor einer Woche eine knappe halbe Stunde im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Köln spielte, fragten sich die Zuschauer hinterher, ob Daei überhaupt einmal am Ball gewesen war. Heute bei Energie Cottbus im Stadion der Freundschaft (20 Uhr) kommt vielleicht Roberto Pinto für den verletzten Andreas Neuendorf (Adduktorenprobleme) zum Einsatz. Pintos spezieller Auftrag hieße in diesem Fall, Preetz von rechtsaußen mit Flanken zu bedienen.

Dass Preetz im Moment nicht trifft, ist nicht die Ursache für Herthas aktuelle Schwierigkeiten, sondern eher das Symptom der Misere. "Das 4-3-3-System ist nicht so ausgelegt, wie es für mein Spiel optimal ist", sagt Preetz. Er hat sich nie darüber beschwert. Die Mannschaft war am Jahresende mit diesem System erfolgreich, "das ist dann okay". Die Mannschaft war der Star, jetzt aber, da die nötigen Siege ausbleiben, "rückt der Einzelne wieder mehr in den Fokus", sagt Preetz.

Der Einzelne heißt in diesem Fall Michael Preetz.

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