Traditionsklub auf Meisterkurs in England : Der FC Liverpool und die erfrischende Romantik

Der FC Liverpool steht davor, die Monotonie der Premier League zu beenden - und bricht dabei alle Regeln der sonst so konservativen englischen Liga.

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Meistertänzchen? Liverpools Sterling (l.) feiert mit Teamkollege Luis Suarez.
Meistertänzchen? Liverpools Sterling (l.) feiert mit Teamkollege Luis Suarez.Foto: Reuters

An diesem Sonntagnachmittag könnte der FC Liverpool den englischen Fußball endlich wieder spannend machen. Eine Liga, die seit zwei Jahrzehnten von Geld und Großmächten völlig dominiert wird, steht kurz davor, einen Überraschungsmeister zu krönen. Wenn die Liverpooler gegen den FC Chelsea gewinnen, sind sie praktisch, wenn auch noch nicht rechnerisch, Englischer Meister.

Der FC Liverpool ist längst nur noch eine Großmacht der Antike. 18 Mal wurde er Meister, zuletzt allerdings 1990. Seitdem gehörte der Klub nie mehr konstant zur Oligarchie der Premier League. Dafür hätte er entweder einen Riesentrainer wie Arsène Wenger oder Alex Ferguson gebraucht, besser noch einen Investor wie Roman Abramowitsch oder Scheich Mansour. Lange versuchten die Reds trotzdem, das verdorbene, kurzsichtige Spiel der Premier League mitzuspielen. Das ist jetzt vorbei.

Verzicht auf Stars, Fokus auf Talente

In dieser Saison hat das Team unter Trainer Brendan Rodgers alle Regeln der neo- konservativen englischen Liga ignoriert: Zum Beispiel die Regel, dass man erst einen Champions-League-Platz anpeilen muss, bevor man Meister werden kann: Liverpool war Siebter am Ende der vorigen Spielzeit, Achter im Jahr davor. Zudem die Regel, dass man viel Geld ausgeben muss, um den Titel zu holen – Tottenham, Chelsea und Manchester City haben vor einem Jahr mehr als doppelt so viel ausgegeben wie Liverpool. Und schließlich die Regel, dass man mit jungen, britischen Spielern nichts gewinnt. Mit dem 19-jährigen Raheem Sterling, Jon Flanagan, 21, Joe Allen und Daniel Sturridge, beide 24, ist Liverpool an die Spitze gestürmt.

Natürlich liegt der Erfolg auch an den Toren von Luis Suarez. Dreißig Mal hat der Uruguayer in der Liga getroffen, und das obwohl er für die ersten zehn Spiele der Saison gesperrt war. Das außergewöhnliche an dieser Liverpool-Mannschaft ist allerdings, dass sie viel mehr als nur Suarez plus zehn ist. Trainer Rodgers hat seit seiner Ankunft vor zwei Jahren das ganze Team umgemodelt.

Die teuren, von seinen Vorgängern gekauften Stars wie Andy Carroll hat Rodgers sofort rausgeworfen und durch Talente aus der eigenen Jugend ersetzt. Sterling und Flanagan sind die größten Erfolgsgeschichten. Sturridge, der zu seiner Zeit bei Chelsea und City immer auf der Bank saß, ist nun einer der besten Stürmer Englands. Die Erfahrung von Führungsspielern wie Steven Gerrard festigt den starken Kader zudem.

Gegenpol zu Chelsea und Mourinho

Hinzu kommt Liverpools Spielweise: Rodgers hat vor mehreren Jahren als Assistent von José Mourinho bei Chelsea die Personalführung gelernt, doch seine Philosophie ist die Antithese zu Mourinho. Die angreifende, dynamische Taktik hat er schon bei seinem früheren Arbeitgeber Swansea City angewendet; bei Liverpool ist sie noch effektiver. Als Kind soll er die brasilianische Nationalmannschaft intensiv studiert haben. Als junger Mann bewunderte er den FC Barcelona unter Johan Cruyff. Und neulich hat er eingeräumt, dass er sich auch ein bisschen von Borussia Dortmund und dem FC Bayern inspirieren lässt.

Die Ironie, dass Rodgers am Sonntag auf seinen alten Mentor Mourinho trifft, ist besonders groß – der Portugiese steht für alles, was die Premier League so langweilig macht: hohe Ausgaben und effizienter, aber ergebnisorientierter Fußball. Der Nordire Rodgers könnte diese Monotonie jetzt durchbrechen – mit rauschendem Fußball, relativer Bescheidenheit und nahezu ohne Weltstars.

Vor 25 Jahren starben bei der Katastrophe von Hillsborough 96 Liverpool-Fans. Die Meisterschaft wäre für die Stadt daher besonders schön. Aber auch für alle anderen Fußballfans, die nicht unter dieser Tragödie leiden mussten: Rodgers und Liverpool bringen eine erfrischende Romantik zurück in die englische Liga.

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