Traditionsspiel DDR - BRD : Das alles ist Deutschland

Die letzte Auswahlmannschaft der DDR siegt im verspäteten Vereinigungsspiel in Leipzig gegen die Weltmeister von 1990. Am Rande gab es Anekdoten - und einen Kulturschock.

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Klassentreffen. Auch Lothar Matthäus (l.) und Andreas Thom waren am Ball. Foto: dpa
Klassentreffen. Auch Lothar Matthäus (l.) und Andreas Thom waren am Ball. Foto: dpaFoto: dpa

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte sich zur Jubiläumsgala „20 Jahre deutsche Fußballeinheit“ Leipziger Lokalmatadoren gewünscht, gern sollten sie ein Lied zum Thema Deutschland anstimmen. Es kamen: „Die Prinzen“, und sie brachten ihr, nun ja, nicht ganz unumstrittenes Werk „Das alles ist Deutschland“ zur Aufführung. Das hatte durchaus eine heitere Note, wie den gesetzten Herrschaften im Saal der Neuen Messe die Gesichtszüge entglitten zu Versen wie: „Es gibt manchen, der sich gern über Kanaken beschwert und zum Ficken jedes Jahr nach Thailand fährt.“ Oder: „Wir sind besonders gut im Auf-die-Fresse-haun, auch im Feuerlegen kann man uns vertraun.“

Als kleiner Kulturschock passte das Kulturprogramm ganz gut zum Thema dieses Leipziger Wochenendes mit seiner leicht überdimensionierten Gala und einem bierernsten Kick zwischen den bundesdeutschen Weltmeistern von 1990 und ihren Kollegen aus der DDR. Als in den Wendewirren Fußball (Ost) und Fußball (West) aufeinanderprallten, waren das zwei verschiedene Welten. Die Geschichten sind alle erzählt – Bayerns Anreise mit eigenem Koch nach Dresden, das Wunder von Uerdingen mit dem 7:3 über eben jene Dresdner und, natürlich, Jürgen Sparwassers Tor zum 1:0 für die DDR im einzigen offiziellen Länderspiel beider Deutschlands, 1974 bei der WM-Endrunde in Hamburg.

Ganz selten kommt mal eine neue Anekdote dazu wie die am Sonntag von Hans-Georg Moldenhauer. Dieser war im Frühling 1990 als Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR (DFV) zu Gast beim Vermarkter Cesar W. Lüthi. Vom Züricher Flughafen holte ihn ein Mitarbeiter Lüthis ab, ein gewisser Günter Netzer. Im Auto nahm Moldenhauer seinen ganzen Mut zusammen und bot seinem Fahrer den Job als Generalsekretär an. „Herr Netzer, mit Ihrem großen Namen schaffen wir die deutsche Fußballeinheit!“ Als aber der potenzielle Ost-Funktionär Netzer nach seiner Besoldung fragte, da musste Moldenhauer passen.

Er schaffte die Überführung des DFV in den DFB dann doch in Rekordzeit, immer nach der Maxime: „Je kürzer ich Präsident bin, desto besser habe ich meinen Job gemacht.“ Mit zwanzigjähriger Verspätung brachte der letzte DDR-Fußballchef am Samstag in Leipzig auch seine letzte Amtshandlung über die Bühne, das Vereinigungsspiel zwischen Ost und West.

Es war vor 15.000 Zuschauern im zur Red-Bull-Arena gewendeten Zentralstadion ein Wiedersehen alter Bekannter, die sich so sehr nicht verändert haben. Jürgen Klinsmann galoppierte mit Idealgewicht über den Rasen, Thomas Doll und Andreas Thom streichelten gewohnt elegant den Ball, Diego Buchwald räumte auf mit der Legende, hinter seinem Spitznamen Diego könnte mehr stecken als eine Finalbegegnung mit Maradona. Karlheinz Riedle stieg bei seinem Kopfball zum zwischenzeitlichen 1:0 so hoch wie früher in Dortmund, Rom oder Liverpool, und Lothar Matthäus hat sich den Jähzorn seiner besten Jahre bewahrt. Ein Elfmeter nach einer vermeintlichen Schwalbe von Ulf Kirsten strapazierte Matthäus’ Adrenalinreserven so heftig, dass er sich sofort auswechseln ließ.

„Der Lothar hat doch immer was zu meckern“, befand Kirsten, „da standen zwei Leute hinter mir, einer wird mich schon getroffen haben.“ Der Leipziger Olaf Marschall, vom Publikum stürmisch begrüßt, verwandelte zum 1:1, Kirsten selbst schoss das Siegtor, übrigens aus bester Sparwasser-Position kurz vorm rechten Torraumeck, was eine hübsche Parallele war zu Hamburg 1974.

Die schönste Rede zur Fußballeinheit hielt kurioserweise ein Franzose. Michel Platini, Weltstar der Achtziger und heute Präsident des europäischen Verbandes Uefa, referierte über seine sportlich schlechten Erfahrungen mit deutschen Nationalmannschaften aus Ost und West. Das Bemerkenswerte daran war, dass Platini seinen Vortrag auf Deutsch hielt. Günther Oettinger hat im Januar an der University of Columbia demonstriert, welche Folgen so ein Ausflug in fremde Idiome zeitigen kann. Platini absolvierte seinen Auftritt so elegant wie früher auf dem Rasen. Es war eine Hommage an „meine alte Deutschlehrerin Fräulein Wagner, sie hätte heute vor Freude geweint“.

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