Sport : Tränen am Wasser

Die Staffel der deutschen Schwimmerinnen verpasst die Bronzemedaille

Frank Bachner[Athen]

Franziska van Almsick blieb lange im Wasser, auffällig lange. Oben, an den Startblöcken, starrten Petra Dallmann, Daniela Götz und Antje Buschschulte wie versteinert ins Leere. Neben ihnen feierten vier Australierinnen, neben ihnen feierten auch vier US-Amerikanerinnen, und inmitten des Trubels schienen die drei deutschen Schwimmerinnen am Beckenrand völlig weggetreten zu sein. Die deutsche 4x100-Meter-Freistil-Staffel hatte gerade Bronze verloren. Und nur nach 3:37,94 Minuten angeschlagen. Fast zwei Sekunden über dem Weltrekord, den die Deutschen bis zum Samstagabend gehalten hatten. Bis die Australierinnen mit 3:35,94 Sekunden Gold gewonnen hatten. Die USA, die Silbermedaillengewinner, hatten 3:36,39 Minuten benötigt. Aber das war für die deutschen Frauen in diesem Moment schon nicht mehr interessant. Entscheidend war, dass die Niederlande 3:37,59 Minuten geschwommen hatten. Und das bedeutete Bronze.

Am Ende blieb nach der Ohnmacht auch ein wenig Ratlosigkeit. Franziska van Almsick zum Beispiel sagte: „Ich kann nicht mehr aus meinem Körper herausholen, als ich geben kann, auch wenn es eine Staffel ist.“ Die Weltrekordlerin war als Schlussschwimmerin auf Platz drei ins Wasser gesprungen. Aber sie schwamm gegen Inge de Bruijn, Hollands Superstar über diese Strecke. De Bruijn war schließlich mehr als eine Sekunde schneller als die 200-m-Weltrekordlerin aus Berlin. „Die Inge ist Favoritin über die 100 m-Einzelstrecke, die ist eine Nummer zu groß für mich“, sagte van Almsick. Da nützte es nichts, dass Antje Buschschulte als Startschwimmerin glänzte und nach 100 m als Erste anschlug. Petra Dallman fiel auf Platz vier zurück, die junge Daniela Götz arbeitete sich noch auf Rang drei vor. Dann kam Inge de Bruijn und überholte noch Franziska van Almsick.

Sind Sie enttäuscht, Frau von Almsick? „Ja, doch“, erwiderte die 26-Jährige. Um dann doch anzufügen: „Wir haben trotzdem keinen Grund, völlig unzufrieden zu sein. Diese Staffel ist so noch nie zusammen geschwommen.“ Auch Antje Buschschulte wirkte gefasst: „Es ist nicht super toll, aber wir haben alles gegeben.“

Dennoch, das Rennen war enttäuschend. Franziska van Almsick zum Beispiel schwamm 54,49 Sekunden, langsamer, als das Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann erwartet hatte. Das kann daran liegen, dass sie noch nie im Wettkampf nach Daniela Götz ins Wasser gesprungen war, aber das allein taugt nicht als Erklärung. Zwei Sekunden über dem eigenen Weltrekord, das ist deutlich.

Vor allem aber haben Buschschulte und van Almsick Trainer Ralf Beckmann nach dem Rennen dumm aussehen lassen. Der hatte vorher von Gold gesprochen. Er hatte davon geschwärmt, wie sehr die deutschen Frauen Selbstbewusstsein demonstrieren in der Staffel. Das war natürlich auch eine Form der Motivation. In den Staffeln glänzen die Deutschen schließlich oft. Aber gestern war von diesem Selbstbewusstsein nichts zu spüren. „Gold und Silber war von vornherein weg, das wussten wir“, sagte van Almsick. Sie haben sich also von vornherein auf Platz drei konzentriert. Das war, von der Papierform her, durchaus realistisch. Es widerspricht allerdings der Haltung von Beckmann. Der will bedingungslosen Kampf sehen.

Bei Franziska van Almsick kam die große Trauer wohl erst später. „Wenn ich heute nach Hause komme“, sagte sie zum Abschied, „werde ich bestimmt noch eine Träne vergießen.“

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