Sport : Tränen der Anerkennung

Antje Buschschulte kehrte zu ihrem alten Schwimmcoach zurück – jetzt ist sie Weltmeisterin

Frank Bachner

Barcelona. Antje Buschschulte hatte geweint, als die deutsche Hymne ertönte. Es ging bei ihr einfach nicht anders, am Dienstagabend in der Schwimmarena von Barcelona. „Ich wollte mich noch kontrollieren, aber bei der Musik war ich dann einfach überwältigt“, sagte sie. Antje Buschschulte wurde Weltmeisterin über 100 m Rücken, sie gewann ihren ersten Einzel-WM-Titel. Aber auf die Tränen eines anderen war sie nicht vorbereitet. „Herr Henneberg, Sie weinen ja auch. Ich habe Sie noch nie weinen sehen“, stieß sie hervor, Sekunden nach der Siegerehrung. Bernd Henneberg, ihr Trainer, war genauso gerührt wie seine Athletin. „Ich musste weinen, weil es doch ein besonderer Sieg ist“, sagte er.

Hennebergs Tränen sind interessanter als die von Buschschulte. Sie sagen einiges aus über den Erfolg der 24-Jährigen. Denn die Tränen zeigen, wie gefühlsbetont der Coach aus Magdeburg inzwischen ist. Es gab jahrelang einen anderen Bernd Henneberg. Er erfüllte das Klischee vom DDR-Trainer, der im Trainings-Alltag nur Kommando und Gehorsam kannte und Medaillen als Kampfziel fixierte. Henneberg hat sich gewandelt, er geht auf Buschschulte ein, die zahlt es mit Vertrauen zurück. Ohne diesen Wandel würde sie bestimmt nicht sagen: „Er ist der Trainer, der mich am besten versteht.“

Deshalb ist sie zu ihm zurückgekommen nach Magdeburg. Sie war schon mal bei ihm, von September 1996 bis Dezember 2000. Damals war Henneberg noch nicht zu so emotionalen Regungen fähig wie nun in Barcelona, aber damals war Antje Buschschulte auch noch erheblich anspruchsloser. „Da hat sie alles kommentarlos zur Kenntnis genommen, was ich gesagt habe“, erzählt Henneberg. Sie verließ ihn trotzdem, nach einem kurzen Gespräch in der Geschäftsstelle des SC Magdeburg. Antje Buschschulte war überfordert. Sie studierte in Halle Biologie, weil in Magdeburg ihre Fachrichtung fürs Grundstudium nicht angeboten wurde. Aber sie trainierte in Magdeburg, ihr Alltag artete damit zur Hetzerei aus. Der Abschied habe nichts mit ihm zu tun, sagte sie Henneberg. Aber in Wuppertal, bei dem jungen Trainer Henning Lambertz, habe sie bessere Möglichkeiten, Sport und Studium zu verbinden.

Immer öfter überfordert

Sie hätte es besser wissen können. Sie musste nun nach Düsseldorf zum Studieren fahren. Wieder eine Hetzerei. Die Probleme wiederholten sich. Lambertz konnte sein Trainingsprogramm nicht immer wie gewohnt durchziehen, er reagierte gereizt, und Buschschulte offenbarte Launen. „Ich muss Henning Lambertz ein großes Kompliment machen, dass er sie unter diesen Bedingungen so lange auf einem hohen Niveau gehalten hat“, sagt Ralf Beckmann, der Chef-Bundestrainer der deutschen Schwimmer. Unter der Regie von Lambertz wurde Antje Buschschulte 2001 immerhin Staffel-Weltmeisterin und Vize-Weltmeisterin über 50 Meter Rücken. Aber immer stärker wurde auch erkennbar, dass sie wieder überfordert war, vor allem, als sie dann auch noch eine Beziehung zu dem 400-m-Läufer Ingo Schultz hatte, die nur kurze Zeit dauerte. Irgendwann stimmte dann auch das Verhältnis zu Lambertz nicht mehr. „Er ist mehr ein Trainer für Männer“, sagt Buschschulte.

Am 14. Februar 2003 ging sie zurück zu Henneberg. Sie hatte ihr Grundstudium beendet, das Hauptstudium konnte sie nun auch in Magdeburg antreten. Jetzt erst hatte sie optimale Bedingungen. Ein Trainer, der auf sie eingeht und eine Autorität ist, zudem eine Universität, zu der sie nicht kilometerweit hetzen muss. Das Training bekam eine höhere Qualität, und Henneberg hatte den Umfang der Übungseinheiten reduziert, weil Antje Buschschulte bei der WM die 200 m Rücken auslassen wollte. Schon im Herbst 2002 hatte sie mit Henneberg ausführlich gesprochen. Damals war von Wechsel allerdings noch nicht die Rede. Der konkretisierte sich erst später. „Der Wechsel“, sagt Beckmann, „war auf keinen Fall schädlich. Sie ist gelassener und sicherer geworden.“

Aber sie hat halt auch geweint bei der Siegerehrung. Manchmal wird man dann schief angesehen von den anderen, den ganz großen Stars. Dabei kullern auch denen zuweilen die Tränen herunter, die sie nicht mehr stoppen können. Franziska van Almsick zum Beispiel, als sie im letzten Jahr Europameisterin wurde und ihren Weltrekord verbesserte. Tränen werden Buschschulte also nicht daran hindern, ein großer Star zu werden. Aber noch sind andere viel wichtiger, deshalb muss die 24-Jährige ihre Pressekonferenz auf offizielle Anweisung abbrechen. Auf das Podium drängte Ian Thorpe.

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