Sport : Trainer-Debatte: Völler ist ersetzbar - in Leverkusen

Michael Rosentritt

Eine Million Deutsche haben es am Dienstag vorgezogen, in ihrer Mittagspause live mitanzusehen, welchen neuen Dreh die Debatte um Christoph Daum, respektive die Besetzung des wichtigsten deutschen Trainerpostens bekommt. Viele stehen auf Daums Seite, manche auf der von Uli Hoeneß, aber in einem Punkt sind sich fast alle einig: Rudi Völler soll länger als geplant Teamchef der Nationalmannschaft bleiben. Also über den 31. Mai 2001 hinaus.

Franz Beckenbauer hat Daum schon aufgefordert, seine Rolle als designierter Bundestrainer noch einmal zu überdenken. "Er muss sich selbst fragen, ob er unter diesen Umständen das höchste Amt im deutschen Fußball antreten will." Der 1:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in London habe es Daum "nicht leichter gemacht", das sei "auch ein Triumph von Rudi Völler und Michael Skibbe. Müssen diese beiden wirklich auseinander gerissen werden?"

Der Münchner Nationalspieler Mehmet Scholl hat nach dem Sieg in Wembley gesagt: "Ich bin für dieses Thema nicht der geeignete Gesprächspartner, aber eine Meinung haben wir Spieler natürlich." Nur traut sich keiner, diese öffentlich zu sagen. Bis auf Sepp Maier, der seit den Zeiten des Teamchefs Beckenbauer die deutschen Torhüter betreut: "Die sollen den Rudi das mal machen lassen. Vielleicht brauchen wir den Daum gar nicht mehr."

In einer Boulevardzeitung sprachen sich 93 Prozent der Leser für eine Weiterbeschäftigung Völlers aus. Auch Günter Netzer, das altmodisch gescheitelte deutsche Fußballgewissen, macht sich für Rudi Völler als Dauerlösung stark. "Spätestens seit London kann man nicht mehr an der Qualifikation von Rudi Völler vorbei", schreibt Netzer in einer Kolumne für "Sportbild". Die Weiterverpflichtung Völlers bis zur WM 2002 "wäre jedenfalls kein falscher Weg".

Ursprünglich war für die Übergangslösung ein Verantwortungsvolumen von sieben Länderspielen vorgesehen. Drei wurden ausgespielt - und gewonnen. Bleiben vier: erst zwei Freundschaftsspiele in Kopenhagen gegen Dänemark (15. November) und in Paris gegen Frankreich (28. Februar), dann die WM-Qualifikationsspiele gegen Albanien (24. März in Leverkusen) und Griechenland (28. März in Athen). Dann soll es vorbei sein mit Teamchef Völler, und diese Vorstellung quält die deutschen Fußballfans.

Völler hat es bisher geschafft, dieses Thema von sich zu weisen: "Ich gehe immer noch davon aus, dass Daum am 1. Juni Bundestrainer wird." Und doch dürfte er längst auf den Geschmack gekommen sein. Mit jedem Sieg fliegen ihm immer mehr Herzen zu. "Und Spaß macht der Job auch - wenn bloß nicht die Medienarbeit wäre", hat Völler kürzlich einigen wenigen anvertraut. Warum also nicht weitermachen? Bayer Leverkusen hat ihn als Sportdirektor für ein Jahr freigestellt. Dort würde er in der kommenden Saison neben Geschäftsführer Reiner Calmund und Finanzmanager Wolfgang Holzhäuser im Verborgenen arbeiten. Doch diesen Job könnte auch der frühere Profi Hans-Peter Lehnhoff übernehmen, der quasi als Urlaubsvertretung Völlers mit dem Titel Teammanager ausgestattet wurde.

Vielerorten wird das als Indiz dafür gewertet, dass Bayer sich schon auf eine Zeit nach Völler vorbereitet. Und doch könnte der DFB beim Buhlen um das Fanidol ausgerechnet aus Leverkusen Konkurrenz erwachsen. In der Klubleitung soll bereits darüber nachgedacht werden, ob sich das Teamchefmodell mit Völler nicht auf den Klub übertragen ließe - für die Nachfolge Christoph Daums. Denn dieser, so viel scheint sicher, wird nach dieser Saison nicht mehr als Trainer bei Bayer arbeiten. "Sollte Daum beim DFB absagen, bieten wir ihm natürlich einen neuen Vertrag an. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich für ihn Sinn machen würde", hat Calmund gesagt.

Am Sonntag soll ein "Krisengipfel" des deutschen Fußballs steigen. Dabei geht es auch darum, ob Daum noch Bundestrainer werden soll. Daums Gipfelteilnahme ist ebenso unsicher wie ein Ergebnis. Angeblich hofft der DFB auf einen moderaten Ausweg: Daum wartet das Ergebnis seiner Haarprobe ab. Fällt das negativ aus, könnte Daums Entschluss positiv sei - im Sinne des DFB und der deutschen Fußballfans.

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