Sport : Trainer in eigener Sache

Hans Meyer wehrt sich gegen den Eindruck, mit Hertha abgeschlossen zu haben – ob er bleibt, sagt er nicht

Stefan Hermanns

Berlin. Nach drei Monaten hat Berlin Hans Meyer geschafft. Zumindest ein bisschen. Wer in diesen Tagen auf seinem Mobiltelefon anruft, erhält die Mitteilung: „Diese Nummer ist uns nicht bekannt.“ Drei Jahre lang hat Meyer als Trainer von Borussia Mönchengladbach seine Handynummer nicht gewechselt, wie es unter Berühmtheiten ganz normal ist. In Berlin aber hat es nur drei Monate gedauert, bis dem Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC der Rummel zu viel wurde. Angeblich ist sein Telefon kaputt.

In Wirklichkeit aber macht es Hans Meyer zurzeit nicht viel Spaß, der Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Von seinem Witz, der in Berlin so geschätzt wurde, ist wenig geblieben. Meyer wirkt gereizt. Wenn er die Frage eines Journalisten für lächerlich hält, gibt er sich keine Mühe, das zu verbergen, und für lächerlich hält er inzwischen viele Fragen. Gestern aber hat Meyer „ein Wort in eigener Sache“ gesprochen und sich vehement dem zuletzt entstandenen Eindruck widersetzt, dass er im Abstiegskampf mit Hertha BSC bereits resigniert habe.

„Ich habe nicht gesagt, die Qualität der Mannschaft reicht nicht aus“, sagte Meyer. Was er nach dem 1:1 gegen Rostock am Samstag gesagt haben wollte, ist, dass die spielerische Qualität an diesem Tag und mit dieser – ersatzgeschwächten – Mannschaft gegen Hansa nicht gereicht habe. „Die Qualität reicht doch ganz sicher aus, um drin zu bleiben. Sonst müsste ich aber sofort aufhören.“

Die Irritationen, die sich nach dem Spiel gegen Rostock ergeben haben, sind insofern paradox, als Meyer noch nie so sehr die Folgen seiner Äußerungen bedacht hat wie in Berlin. In der Vorbereitung auf die Rückrunde hat er alles vermieden, was den geringsten Rückschluss auf seine Stammelf zugelassen hätte, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Früher war Meyer nicht so. In Mönchengladbach hat er mal über den Verteidiger Marcelo Pletsch gesagt: „Dem bring ich das Fußballspielen auch nicht mehr bei.“ Einige Meyer- Feinde hätten daraufhin am liebsten die Menschenrechtskommission der Uno eingeschaltet. Pletsch war trotz mangelnder fußballerischer Qualität Stammspieler bei Meyer.

In Berlin ist Meyer vorsichtiger, als er es je zuvor gewesen ist. Nicht, um sich selbst Scherereien mit den Medien zu ersparen – das hat ihn nie interessiert –, sondern um seine ohnehin verunsicherten Spieler nicht zusätzlich zu verunsichern. „Die Jungs lesen das doch auch“, sagt Meyer. Vor einem Jahr hat Thomas Hörster als Trainer von Bayer Leverkusen einen ähnlichen Fehler begangen, wie er jetzt Meyer angelastet wird. Am drittletzten Spieltag, nach einem 1:4 beim HSV, hatte Hörster gesagt: „Nach der Leistung heute, muss ich sagen, habe ich aufgegeben.“ Anschließend wurde er entlassen, Klaus Augenthaler übernahm die Mannschaft und rettete sie mit zwei Siegen vor dem Abstieg.

Hans Meyer aber soll in Berlin sogar über die Dauer seines Vertrags hinaus beschäftigt werden. Am Montag hat Manager Dieter Hoeneß noch einmal mit ihm geredet, die Entscheidung soll jetzt schon bis zum Ende der Woche fallen. In der Öffentlichkeit tut Meyer die Frage nach seiner Weiterbeschäftigung als Nebenthema ab. „Mir ist es egal, wer im Sommer bei Hertha Trainer ist“, hat er gestern gesagt. Es spricht nicht viel dafür, dass er Hans Meyer heißen wird. Seine Gereiztheit deutet nicht darauf hin, dass Meyer seinen Job zurzeit als großen Spaß empfindet. Hoeneß hat daher vor einigen Wochen gesagt, man müsse eine günstige Gelegenheit abpassen, um mit Meyer über eine Verlängerung zu reden – einen Sieg zum Beispiel. Seitdem hat Hertha nicht mehr gewonnen.

Nichts ist im Moment schlimmer als der Anschein, dass der Trainer bereits aufgegeben habe und auch noch das ist, was in der amerikanischen Politik als lame duck, als lahme Ente, bezeichnet wird: ein Präsident, der nicht mehr wiedergewählt werden kann und dem Ende seiner Amtszeit entgegendämmert. Genau deshalb hat sich Meyer gestern um eine Richtigstellung des zuletzt entstandenen Eindrucks bemüht. Es ist eine schwierige Balance, die Herthas Trainer finden muss: Einerseits darf er die Zweifel nicht weiter verstärken, andererseits auch keine unbegründeten Hoffnungen schüren, die dann enttäuscht werden. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Meyer seit seinem Amtsantritt. Als er im Januar sagte, Hertha werde bis zum Ende der Saison im Abstiegskampf stecken, haben das viele für Koketterie gehalten. Jetzt zeigt sich, dass Meyer die Situation realistisch eingeschätzt. Bevor er seine Arbeit als Trainer aufnahm, war Hertha Vorletzter, drei Monate später ist Hertha immer noch Vorletzter. „Genau das stinkt mir eben“, sagt Meyer.

Die bloßen Zahlen gaukeln einen fortwährenden Stillstand vor, dabei hat es sehr wohl Fortschritte gegeben – aber eben auch Rückschläge. „In dieser Mannschaft gibt es doch ein starkes Bemühen“, sagt Meyer. Bestes Beispiel ist die Szene, die am Samstag zum Ausgleich geführt hat. Meyer hat sich die Situation noch einmal angesehen und dabei festgestellt, dass zwei Rostocker in Herthas Strafraum sieben Berlinern gegenüberstanden. „Sie rennen alle nach hinten, um zu helfen – und keiner deckt.“

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