Sport : Trainer Meyer setzt sich gegen alle Widerstände durch

Stefan Hermanns

Hans Meyer, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, ist stets um seinen guten Ruf besorgt. Seit Neuestem achtet Meyer sogar darauf, dass sein Ernährungsberater keinen Anlass mehr zur Klage findet. Der Ernährungsberater ist eigentlich Reporter bei der Bildzeitung, und vor einigen Wochen hat der Journalist seine Leser auf recht süffisante Weise darüber informiert, dass der nicht unbedingt zur Magersucht neigende Meyer nach dem Spiel in Offenbach sechs Brötchen verputzt habe. Am Montagabend, nach dem 4:1-Sieg gegen den Karlsruher SC, nahm Meyer eine Brötchenhälfte mit Schweinebraten zur Hand, hielt sie dem Reporter der Bildzeitung vor die Nase und sagte laut und deutlich: "Eins". Zum Mitzählen.

Seit Monaten schon lassen die Kollegen von der Bildzeitung keine Gelegenheit aus, Hans Meyer in ein schlechtes Licht zu rücken. Vor allem wirft das Zentralorgan des Humanismus dem Trainer aus dem Osten Deutschlands gravierende Defizite in Sachen Menschenführung vor. Schließlich hat er Toni Polster, den Liebling des Boulevards, aus dem Verein geekelt, Thomas Vogel und Valandi Anagnostou durften ebenfalls gehen, und Michael Klinkert sowie Damir Buric könnten die Nächsten sein, für die Meyer keine Verwendung mehr hat. Allesamt großartige Fußballer also, denen der hartherzige Trainer eine glorreiche Zukunft verbaut.

Mag sein, dass Hans Meyer, der in Holland "der General" genannt wurde, kein Diplomat ist; mag sein, dass er härter trainiert als andere Trainer, dass er gelegentlich Dinge sagt, die den Leuten nicht gefallen, und dass manch einer seine Ironie nicht versteht oder verstehen will. Aber könnte es vielleicht auch sein, dass Borussia Mönchengladbach genau diesen Trainer gebraucht hat? Seit September arbeitet Meyer in Mönchengladbach. Als er kam, waren die Borussen Letzter der Zweiten Liga. Durch das 4:1 gegen den Karlsruher SC rückten die Gladbacher jetzt auf den vierten Tabellenplatz vor. Vier Mal siegten sie zuletzt in Folge, seit zehn Spielen sind die Borussen ungeschlagen, der Abstand auf die Aufstiegsränge beträgt nur noch einen Punkt. Gegen den KSC "haben wir so gespielt, wie wir wollten", sagte Meyer. Souverän und mit System. Mit seinem System. Die vier Abwehrspieler agieren wieder auf einer Linie wie in Gladbach einst unter Bernd Krauss, das Mittelfeld mit Nielsen, Demo und Witeczek zählt zu den spielstärksten der Liga, und im Angriff bietet Meyer zwei echte Außenstürmer auf, die van Lent in der Mitte mit Flanken versorgen.

Innerhalb eines halben Jahres hat Hans Meyer, "der Lattek des Ostens" (Selbsteinschätzung), aus einer verunsicherten und überforderten Truppe eine echte Mannschaft geformt. In Gladbach, wo die Sehnsucht ob einer erfolgreichen Vergangenheit meist rückwärts gewandt ist, würden sie in ihm nun am liebsten einen Wiedergänger des legendären Hennes Weisweiler sehen, und das nicht nur wegen gewisser äußerer Ähnlichkeiten. Weisweiler hat die Borussen einst in die Bundesliga geführt und ihren attraktiven Offensivfußball zu einem Markenzeichen gemacht. Guido Buchwald, Sportdirektor des KSC, attestierte den Gladbachern, da wachse eine Mannschaft heran, "mit jungen Wilden, wie es früher mal war". Nur das Thema Aufstieg hat Meyer schon eine Woche nach seinem Amtsantritt offiziell zum Un-Thema erklärt. Inzwischen jedoch wird er immer häufiger damit konfrontiert. Nun bekommt Hans Meyer "ein bisschen Angst, dass wir von der Euphorie erdrückt werden". Schon vor der Begegnung mit dem KSC hat er geschätzt, "97 Prozent unserer Fans glauben an den Aufstieg". Inzwischen sind es wahrscheinlich 100.

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