Sport : Trainer vor Gericht

Der Prozess gegen Thomas Springstein beginnt – er soll Minderjährigen Dopingmittel gegeben haben

Friedhard Teuffel

Berlin - Thomas Springstein ist längst kein Leichtathletiktrainer mehr, er hat seine Arbeit offiziell eingestellt. Vor zehn Tagen hat auch seine Lebensgefährtin Grit Breuer mit dem Sport aufgehört. Am Montag aber wird das Interesse an Springstein so groß sein wie an einem Meisterschaftsfinale. Noch keine Strafsache vor dem Amtsgericht Magdeburg hat derart viel Aufmerksamkeit erregt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47 Jahre alten Springstein vor, in drei Fällen minderjährigen Athleten Dopingmittel gegeben zu haben.

Auch wenn das Gericht an 10 angesetzten Verhandlungstagen mit Hilfe von 18 geladenen Zeugen nur über diesen Vorwurf zu urteilen hat, so wird doch über weit mehr entschieden. Es geht auch um eine grundsätzliche Haltung zum Leistungssport, denn Springstein ist Symbolfigur für einen grenzwertigen Umgang mit dem menschlichen Körper. Springstein hat sich zum Feindbild gemacht, weil er offen darüber spricht, viel auszuprobieren, um seine Athleten schneller laufen zu lassen. Er hat sich auch zum Ärger der Sportfunktionäre nie darum bemüht, den schönen Schein der Welt des Sports zu wahren. „Der Sport ist unfair, und ich muss damit leben. Ich sehe keinen Ausweg aus der Dopingproblematik“, hat er gesagt.

Neben dem Dopingfall Dieter Baumann steht Thomas Springstein für den bisher größten Skandal in der deutschen Leichtathletik. 1992 wurden Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe und 400-Meter-Europameisterin Grit Breuer mit Clenbuterol erwischt. Ihr Trainer war Springstein. Clenbuterol war zwar noch nicht verboten, wirkt jedoch wie ein Anabolikum. Breuer und Krabbe wurden daraufhin wegen Medikamentenmissbrauchs gesperrt, Springstein selber entzog sich der Sportgerichtsbarkeit durch den Austritt aus seinem Verein SC Neubrandenburg.

Jetzt muss sich Springstein sogar vor einem ordentlichen Gericht verantworten, und der Vorwurf wiegt viel schwerer als damals. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Strafrahmen bis zu vier Jahren aus, sonst müsste das Verfahren vor dem Landgericht stattfinden. Die wichtigste Zeugin ist Anne-Kathrin Elbe, die früher in Springsteins Magdeburger Sprintschule trainierte. „Sie wird am Montag aussagen, von Springstein im Frühjahr 2003 zwei Rationen Andriol erhalten zu haben“, sagt ihr Rechtsvertreter Joachim Strauss, der auch Justiziar von Elbes Verein Bayer Leverkusen ist. Andriol enthält den Dopingwirkstoff Testosteron-Undecanoat. Springstein bestreitet alle Vorwürfe.

Als der Deutsche Leichtathletik-Verband über einen Trainer von Elbes Anschuldigungen erfuhr, erstattete er im August 2004 Anzeige. Wenig später durchsuchte die Staatsanwaltschaft Springsteins Haus vor den Toren Magdeburgs. In seinem Kühlschrank soll sie nicht nur Andriol, sondern nach Informationen des Tagesspiegels auch Insulin und Wachstumshormon gefunden haben. Insulin kann ebenfalls muskelbildend wirken, wenn es richtig eingesetzt wird.

Springsteins Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel bleibt dennoch bei seiner Strategie, der Trainer habe die Substanzen ausschließlich für den Eigenbedarf aufbewahrt. „Der Besitz von Medikamenten ist nichts Rechtswidriges, und bis zur Weitergabe an ihm anvertraute Minderjährige ist es ein großer Schritt.“ Diestel räumt ein, dass die Funde von Insulin und Wachstumshormon die Glaubwürdigkeit seines Mandanten nicht vergrößern. „Aber eine nicht besonders starke Glaubwürdigkeit ist noch nicht strafbar.“

Schon vor einigen Wochen hatte Diestel im Gespräch mit dem Tagesspiegel zugegeben, dass bei Springstein auch Pläne mit den Vergabezyklen von Dopingmitteln gefunden worden seien. „Thomas Springstein hat sich eben sehr intensiv mit dem Grenzbereich des Sports auseinander gesetzt“, sagte Diestel dazu. Die Staatsanwaltschaft hat offenbar auch E-Mails sichergestellt, in denen Ärzte Springstein genaue Anweisungen zum Einsatz verbotener Substanzen geben.

Diestel will es nicht bei einer Auseinandersetzung um Details bewenden lassen. Er sieht eine Ost-West-Intrige: „Ich werde das Verfahren nutzen, um zu zeigen, dass es andere Zusammenhänge gibt. Es ging darum, Springsteins Sprintschule in Magdeburg zu zerstören.“

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