Trainer-Wechsel : Blaue Hölle Chelsea

Trainer André Villas-Boas scheitert beim FC Chelsea an sich selbst, den nahezu untrainierbaren Spielern und der Ungeduld von Besitzer Roman Abramowitsch.

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Im Kreis der Untrainierbaren. Trainer André Villas-Boas hatte zuletzt auf keiner Ebene mehr Rückhalt beim FC Chelsea. Foto: AFP Foto: AFP
Im Kreis der Untrainierbaren. Trainer André Villas-Boas hatte zuletzt auf keiner Ebene mehr Rückhalt beim FC Chelsea. Foto: AFPFoto: AFP

André Villas-Boas fand nach dem erbärmlichen 0:1 bei West Bromwich Albion am Samstagabend, dass es in dieser Krise nicht damit getan war, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Der 34-Jährige drehte die Sache um, wie schon häufiger in den vergangenen Wochen – und übernachtete auf dem Trainingsgelände in Cobham. So konnte er schon früh am Sonntagmorgen sehen, wie Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch mitsamt seiner Entourage aus Bodyguards eintraf. Die Anwesenheit von Eugene Tenenbaum, dem Mann fürs Grobe in der Chefetage, nahm den Ausgang der Unterredung vorweg. Nach 256 Tagen im Amt war das Projekt „AVB“ bei den Londonern offiziell beendet.

„Wir bedauern, dass die Beziehung so früh in die Brüche ging“, ließ der Verein süß-säuerlich verlauten. Die Demission des Portugiesen hatte sich spätestens nach dem 1:3-Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den SSC Neapel am 21. Februar angekündigt, doch zunächst war man davon ausgegangen, dass der junge Trainer zumindest bis zum Rückspiel in acht Tagen versuchen dürfte, die statistisch schlechteste Saison der Blauen seit der Übernahme durch Milliardär Abramowitsch im Sommer 2003 zu retten. Die Niederlage bei West Brom brachte beim Tabellenfünften (drei Punkte Rückstand auf den FC Arsenal auf Platz vier) jedoch die Qualifikation für die Champions League so stark in Gefahr, dass der Oligarch intervenierte.

Abramowitsch forderte im Anschluss die seit Wochen unmotiviert wirkenden Profis auf, schleunigst ihre Einstellung zu überdenken und drohte einigen Stammspielern indirekt mit Rauswurf zum Saisonende. Die letzten Auftritte hatten einen Hauch von Dienstverweigerung verströmt, vielen Beobachtern gilt die Mannschaft seit dem Abschied der Überfigur José Mourinho als untrainierbar. Mit Villas-Boas ging jetzt der fünfte Coach seit September 2007, in den vergangenen vier Jahren wurden an der Stamford Bridge 77 Millionen Euro für die Verpflichtung und Entlassung von Übungsleitern ausgegeben, die Gehälter nicht inbegriffen.

Die Macht der Kabine, in der sich bis auf Kapitän John Terry und eine kleine portugiesische Gruppe alle wichtigen Spieler gegen ihn positioniert hatten, war letztlich zu groß für den Villas-Boas. Aber es wäre zu kurz gegriffen, die Schuld allein bei einer Spielerverschwörung zu suchen. Im kaum zu durchschauenden System Abramowitsch klafft von dem geduldsarmen Russen abwärts ein derartiges Kontrollvakuum, dass die wichtigsten Spieler zwangsläufig zu Pseudofunktionären avancieren mussten. „Die Aufmüpfigkeit der Profis ist nur das Symptom eines Konstrukts, in dem der Trainer der austauschbarste Mann ist, nicht der wichtigste“, erkannte die „Times“. Luiz Felipe Scolari, der sich 2008/09 ein Dreivierteljahr lang beim FC Chelsea versuchen durfte, drückte sich ein wenig drastischer aus: „Wer auch immer der Nachfolger wird – es wird die Hölle für ihn.“

Villas-Boas’ Reformkurs war möglicherweise bereits im Sommer zum Scheitern verurteilt, als er es versäumte, auf eine nachhaltige Verstärkung des Kaders zu bestehen. Zudem fehlte es dem hochtalentierten Jungtrainer an Moderationskunst: Den Mangel an natürlicher Autorität kaschierte er häufig mit überharten Entscheidungen, denen Arroganz anhaftete. Gleichaltrige Spieler wie Didier Drogba oder Frank Lampard fühlten sich von den Wechselmanövern des 34-Jährigen vor den Kopf gestoßen. Wie die „Daily Mail“ berichtete, fanden es es die Spieler irritierend, dass er von einem Balkon persönlich aus überwachte, dass sie pünktlich zum Training vorfuhren. Darüber hinaus traf im Team der rigorose Umgang mit Nicolas Anelka und Alex, die der Coach vor ihren Transfers im Januar vom Trainingsbetrieb und sogar von der Weihnachtsfeier ausschloss, auf großes Unverständnis.

Den Traum vom „blauen Barcelona“, den Villas-Boas erfüllen sollte, hat Abramowitsch nicht aufgegeben. Pep Guardiola, der Trainer der Katalanen, gilt als Wunschkandidat für die nächste Spielzeit, aber auch dessen natürlicher Gegenpart Mourinho ist wieder in West-London im Gespräch. Bis Mai soll Villas-Boas’ Assistent Roberto di Matteo die Geschicke leiten. Ob unter dem Schweizer der große Kabinenfrieden ausbricht, ist allerdings zweifelhaft. Der ehemalige Chelsea-Profi sei bei den Kickern ähnlich unbeliebt wie sein geschasster Chef, wussten Boulevardblätter am Montag bereits zu berichten.

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