Trainerduell Guardiola - Klopp : Die Philosophie der Baseballkappe

FC Bayern München gegen Borussia Dortmund ist längst wieder ein Kampf der Kulturen – das liegt auch an den beiden Trainern Pep Guardiola und Jürgen Klopp.

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Gentleman gegen Kumpeltyp. Guardiola (l.) und Klopp haben wenig gemein.
Gentleman gegen Kumpeltyp. Guardiola (l.) und Klopp haben wenig gemein.Foto: Imago

Die Chinesen sind jetzt Katalanen. Vor einem Jahr hat Jürgen Klopp den FC Bayern München der Industriespionage bezichtigt, so wie es auch die Chinesen in der Welt der Wirtschaft tun: „Schauen, was die anderen machen, um es abzukupfern und dann mit mehr Geld und anderen Spielern den gleichen Weg einzuschlagen.“ Was der Trainer in der vorigen Saison bei den Bayern sah, erinnerte ihn an seine Mannschaft: gemeinsam attackieren, Ball und Gegner jagen, schnell umschalten. Doch der Plagiatsvorwurf lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Inzwischen fühlt man sich bei den Münchnern weniger an Borussia Dortmund erinnert als an den FC Barcelona.

Sein Mantra vom Ballbesitz hat Pep Guardiola gleich mal nach München mitgebracht. Abgesehen von kleinen Details ähnelt die Spielweise der Bayern der des FC Barcelona sehr stark. Guardiola ist, was den Fußball angeht, immer ein Romantiker geblieben. Er ist nicht nur von der Philosophie des Ballbesitzes überzeugt, sie ist für ihn die einzig infrage kommende Methode. Zweckmäßigkeit vor Schönheit? Nicht mit Guardiola.

Wenn Bayern und Dortmund an diesem Samstag (18.30 Uhr) im Spitzenspiel der Bundesliga aufeinandertreffen, ist das nicht mehr das Duell von Kopie und Original; es ist jetzt auch fußballerisch wieder ein Kampf der Kulturen. Und das liegt vor allem an den beiden Trainern: an Jürgen Klopp und Pep Guardiola. Das ist Gentleman gegen Kumpeltyp, Maßanzug gegen Trainingsanzug, Philosoph gegen Arbeiter, Intellekt gegen Emotion.

Als die Bayern vor drei Wochen im Berliner Olympiastadion ihren 24. Meistertitel perfekt gemacht haben, hat Guardiola die stärksten Bilder eines insgesamt lauen Abends geliefert: Sie zeigten den Trainer der Münchner beim Kampf gegen die Meisterkappe, die man ihm auf den Glatzkopf pflanzen wollte. Für einen kurzen Moment schien es, als gäbe Guardiola nach, am Ende aber nahm er die rote Basecap irgendwie angewidert vom Haupt. Jürgen Klopp sind solche Eitelkeiten fremd. Im Bundesligaalltag sieht er aus wie gerade aus dem Bett gestiegen: wilde Mähne, Dreitagebart – und auch den schwarz-gelben Trainingsanzug trägt er mit Stolz.

Pep Guardiola ist so ein Outfit fremd. Mit seinen italienischen Maßanzügen und den Lederschuhen verbreitet er den Hauch der weiten Welt. Neben Fußball liebt es Guardiola, über Mode zu philosophieren, sein äußeres Erscheinungsbild ist ihm wichtig. In jungen Jahren trat er auf einer Modeveranstaltung in Barcelona sogar als Model auf. Die Affinität zur Kleidung hat auch mit seiner Ehefrau zu tun. Cristina Guardiola ist die Tochter einer katalanischen Modeunternehmerfamilie, Pep stammt aus eher einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Maurer. Guardiola erwähnt dies stets mit Stolz.

Arbeiterkind Pep Guardiola würde auch beim BVB funktionieren

Als Arbeiterkind würde Guardiola auch in Dortmund funktionieren. Zwar ist die Borussia schon lange kein Arbeiterverein mehr, aber das Image wird immer noch gerne bedient – zumal der BVB mit Klopp ein glaubwürdiges Testimonial für dieses Image besitzt. Der Trainer passt perfekt ins Bild vom Malocher, der im Ruhrgebiet traditionell geschätzt wird. Klopp lebt neben dem Platz das vor, was er von seiner Mannschaft auf dem Platz erwartet: totale Leidenschaft. Klopp jammert, Klopp flucht, Klopp flitzt die Seitenlinie entlang, das Gesicht zur Fratze verzerrt, und bei Toren seiner Mannschaft fliegt er mit angewinkelten Beinen und geballten Fäusten durch die Luft wie ein Handballer beim Sprungwurf.

Abheben ist Guardiolas Sache an der Seitenlinie nicht, er bevorzugt zum Jubeln die Becker-Faust. Ansonsten steht er Klopp in Sachen Emotionen kaum nach. Guardiola fuchtelt, Guardiola dirigiert, Guardiola flucht. Letzteres mit etwas mehr Selbstbeherrschung als Klopp.

Guardiola ist im Inneren Spieler geblieben. Die schätzen ihn, weil er zuhören kann und Verständnis aufbringt. Alles jedoch nur im Rahmen des Berufsverhältnisses. Guardiola pflegt eine Mischung aus Nähe und Distanz. In die Kabine kommt er erst kurz vor Anpfiff, Details werden bereits im Vorfeld der Spiele besprochen. Wie schon in Barcelona besitzt Guardiola auch in München einen eigenen, separaten Raum. Als Privatperson ist er ohnehin kaum greifbar. Öffentliche Auftritte reduziert er auf ein Minimum, Einzelinterviews gibt es höchstens für Sponsoren. Seine Aura speist sich aus Distanz.

Jürgen Klopp zu Journalisten: "Ihr gehört ja irgendwie alle dem Verein an."

Jürgen Klopp ist ein Menschenfänger. Seine Spieler dürfen ihn duzen, im Gegenzug spricht er von seinen „Jungs“, als sei man eine einzige große Familie. Klopp fürchtet Nähe nicht, auch nicht zu Journalisten. „Ihr gehört ja irgendwie alle dem Verein an“, hat er einmal in einer Pressekonferenz zu den Reportern gesagt, die regelmäßig über den BVB berichten. Eine seltsame Ansicht über die Rolle der Medien. Zumal sie impliziert, dass Klopp von der vereinseigenen Abteilung Presse eine wohlwollende Berichterstattung erwartet. Und wehe, wenn nicht.

Es ist nur folgerichtig, dass Klopp auf öffentliche Kritik dünnhäutig reagiert – wie zuletzt nach dem Spiel in Madrid im Studio des ZDF. Natürlich hätte Dortmunds Trainer einfach eine wohltemperierte Antwort geben können, anstatt erzürnt das Studio zu verlassen. Aber so ist er nicht. So will er nicht sein. Und so soll er auch nicht sein. „Wir wollen echt sein“, hat Hans-Joachim Watzke dazu dem „Spiegel“ gesagt. Wobei das ja die entscheidende Frage ist: Kann man überhaupt echt sein wollen? Oder ist man einfach echt?

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