Sport : Trainerfragen: Vogts folgt Völler, folgt Daum

Helmut Schümann

Zwei Jahre war Berti Vogts unterwegs. Als Werber am Telefon, als Kommentator an Mikrofon und Laptop, vor allem als Ex. Ex-Bundestrainer und Ex-Vertreter einer stark männertümelnden Fußball-Philosophie. Am Mittwoch saß Vogts in den Katakomben des Hamburger Volksparkstadions und sprach Männer-Freund Frank Pagelsdorf Mut zu vor dessen schwerem Gang gegen Deportivo La Coruña. Im Grunde genommen, sagte Vogts zum Trainer des Hamburger SV, könne nichts schief gehen in dieser wunderbaren Atmosphäre des runderneuerten Stadions, "das ist ja so toll hier, das ist ja Welt". Welt? Ist Berti Vogts in den Jungbrunnen gefallen und wiederaufgetaucht mit Jugend-Sprech?

Aufgetaucht ist der 53-Jährige. Am Donnerstag wurde Vogts von Bayer Leverkusen als Chefcoach der Öffentlichkeit vorgestellt und als Nachfolger des Volkshelden Rudi Völler und Nach-Nachfolger von Christoph Daum, dem über seine Drogenaffäre gestolperten Erfolgstrainer. Zunächst bis 2002 soll Vogts und mit ihm Völler als Sportdirektor dort weitermachen, wo Daum/Völler aufhörten: in der Spur der Sieger und auf der Spur des Branchenführers FC Bayern München. "Wir wollen die Bayern noch mehr jagen und irgendwann einen Titel holen", sagte Vogts. Er hat also verstanden.

Aber passt das zusammen? Bayer Leverkusen, ein mit modernsten Managementmethoden geführter Unterhaltungskonzern, und Hans-Hubert Vogts, der in Wort und Tat stets seine Verbundenheit mit der Welt des Fußballs beteuert hat, in der noch elf Freunde fest zusammenstehen und sich beim Spitznamen, Berti eben, rufen?

Vor zwei Jahren trat Vogts nach einem desaströsen Turnierverlauf bei der Weltmeisterschaft in Frankreich und einem gescheiterten, weil halbherzig durchgeführten und vom Verband nicht unterstützen Neuaufbau der Nationalmannschaft zurück. Keine Ansprache hatte er mehr gefunden mit seinen durchaus ehrenwerten Idealen bei seinen Schützlingen, die weniger Schützlinge sein wollten als junge Unternehmer in kurzen Hosen. Keinen Widerhall fand er in den Medien, die diesen Anachronismus des Leders nicht mehr in Einklang bringen konnten und wollten mit den Erfolgskalkulationen der Fußball-Show. Und dieser Vogts in Leverkusen, er ist zurück, aber möglicherweise mit ihm auch Bayer - nämlich zurück in den siebziger Jahren.

Anzeichen von Anpassung hat es durchaus gegeben seit dieser Zeit. Schon vor dem endgültigen Abgang holte Vogts gegen seinen Willen und vornehmlich der "Bild" zuliebe den von ihm einst auf ewig verbannten Stefan Effenberg in die Nationalmannschaft zurück. Nach dem Abgang trat Vogts, dem Schnickschnack fern des Rasens einst ein Greuel war, im Tatort als Gärtner auf. Zuletzt war er als plaudernder Pausenfüller in den Übertragungen aus der Champions League zu beobachten. Aber die unfreiwillige Komik, mit der er früher Spiele gegen fußballerische Laien hochzujazzen versuchte ("Ja, wir nehmen die Armenier ernst, wir kennen den Armenier, ja"), die ist ihm bis Donnerstag nicht abhanden gekommen.

Ob Leverkusen derzeit das richtige Pflaster ist, um Lockerheit zu erlernen? Das Entree kann ungünstiger nicht sein. Noch ist Daum, mit dem der Erfolg an den Rhein kam, nicht vergessen bei den Zuschauern, noch feiern sie Völler, der die Malaise um den schnupfenden Vorgänger in den Hintergrund drängte. Noch steht Manager Rainer Calmund, ein enger Freund von Vogts, wegen seiner Rolle in der Affäre um Daum in der Kritik. Und noch wird der Verein belagert von Journalisten, was Vogts ein ganz besonderes Vergnügen bereiten muss, wo er doch schon früher, wenn er als Nationaltrainer einmal im Monat vor die Presse treten musste, schwitzige Hände bekam. Es gehört nicht viel Prophetie dazu, sich eine der ersten Fragen an den neuen Leverkusener Coach vorzustellen. Sie dürfte die Gefühlslage aufspüren, die Gefühlslage eines Trainers, der nur zweite Wahl war und den Zuschlag deshalb bekam, weil Klaus Toppmöller, der Trainer des Zweitligisten 1. FC Saarbrücken, abgesagt hatte. Viele Probleme, die da auf Vogts zukommen. Allein die Übernahme etwas infantiler Jugendsprache dürfte zu deren Bewältigung nicht ausreichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben