Sport : Trainers Liebling

Stefan Hermanns

Eigentlich bringt es nichts, aber manchmal ist es ganz reizvoll, sich auszumalen, wie es wohl wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Wenn Pal Dardai zum Beispiel an diesem Wochenende an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehrte - als Weltpokalsieger mit dem FC Bayern München zum Gastspiel bei Hertha BSC. "Darüber denke ich nicht nach", sagt Dardai, der immer noch in Berlin spielt. Das Thema Bayern ist schon "seit zwei Jahren gegessen", eine alte Geschichte, über die er gar nicht mehr reden möchte. Vor zwei Jahren hatten ihm die Münchener "ein Superangebot" gemacht, doch Hertha wollte den Mittelfeldspieler aus Ungarn nicht gehen lassen. Die Sache ist damit erledigt.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Aber man stelle sich mal vor, die Berliner hätten Dardai wirklich aus seinem Vertrag entlassen und dafür eine angemessene Transferentschädigung, ein paar Millionen also, kassiert. Ob Herthas Anhänger wohl ähnlich emotional reagiert hätten wie jetzt im Fall Deisler, dessen Weggang die Fans erregt? Eher nicht. Wahrscheinlich haben sie sich eher gewundert, dass Hertha das Geld nicht freudestrahlend eingesackt hat. Wer ist schon Pal Dardai?

Vielleicht ist das ein bisschen sein Problem. Dardai ist einfach immer da, und deshalb wird sein Wert für die Mannschaft leicht unterschätzt. Wenn von Herthas derzeitiger Erfolgsserie mit neun Spielen ohne Niederlage die Rede ist, heißt es seltsamerweise: Hertha spielt erfolgreich, seitdem Sebastian Deisler nicht mehr dabei ist. Niemand sagt: Hertha ist erfolgreich, seitdem Pal Dardai spielt.

Beim 0:4 in Hamburg wurde der Ungar für Deisler eingewechselt. Seitdem spielt Dardai von Anfang an, und seitdem hat Hertha nicht mehr verloren. "Das muss auch bis zum Ende des Jahres so bleiben", sagt Dardai. Ganz einfach wird das nicht: Hertha spielt jetzt hintereinander gegen Bayern (Sonntag, 17.30 Uhr), in Schalke und gegen Leverkusen.

Jürgen Röber, Herthas Trainer, sagt zwar, dass alle Spieler ihren Teil zu den aktuellen Erfolgen beigetragen haben, er gibt aber zu, dass Dardais Auftreten auf dem Platz ein gewisses Signal gewesen sei. "Er hat das richtig rübergebracht", sagt Röber. "Das ist seine Art." Eine Art, die Röber sehr schätzt. Dardai sagt von sich: "Ich will immer gewinnen. Das ist meine Mentalität." Solche Sätze könnten auch von Jürgen Röber stammen. Kein Wunder, dass Herthas Trainer sagt: "Wir haben einen ganz guten Draht zueinander." Dardai hat nie gejammert, wenn Anfang der Saison wieder die teuren Neuzugänge gespielt haben und er nur auf der Ersatzbank saß: "Bis jetzt war das jedes Jahr so", sagt Dardai. "Aber ich habe immer weiter gekämpft."

Dardai war 20, als er im Januar 1997 vom BVSC Budapest zu Hertha in die Zweite Liga wechselte. Sein Talent und sein spielerisches Potenzial waren offenkundig, aber mit Technik alleine ist gerade in der Zweiten Liga wenig zu gewinnen. Röber hat aus Dardai einen Kämpfer gemacht. "Er ist einen ganz, ganz schweren Weg gegangen", sagt Herthas Trainer. "Und er hat eine Zeit gebraucht, um sich da reinzufinden." Röber erinnert sich, dass Dardai in mancher Trainingseinheit unter der Härte gelitten hat, "aber er hat sich dann gewehrt und sich durchgebissen".

Dardai sieht sich längst nicht mehr als verkappten Spielmacher, der gezwungen ist, in der Defensive niedere Tätigkeiten zu verrichten, zumal er auch aus den hinteren Regionen "einen guten Pass nach vorne spielen kann". Dass Röber ihn umgeschult hat, war vermutlich sein Glück. "Das war gut für mich", sagt Dardai. Röber hört so etwas gern: "Manchmal ist es das Problem der Spieler, dass sie nicht bereit sind, sich auf neue Positionen einzulassen", sagt er. Bei den Bayern dagegen seien die Spieler froh, überhaupt zu spielen, "diese Einstellung hat Pal auch".

Der 25-Jährige hat sowieso eine Einstellung, die jedem Trainer gefällt. Dardai bleibt auch in Zeiten des Erfolges immer schön bescheiden. "In den nächsten Wochen kann ich nicht mehr davon leben", sagt Dardai. Bei Fußballern sei das eben anders als bei einem Olympiasieger, der die dicken Werbeverträge abschließt. Ein Erfolg morgen gegen die großen Bayern aber, der wäre für die Berliner auch ein bisschen wie ein Olympiasieg. "Dann sind wir wieder die Besten", sagt Dardai. Zumindest würden das viele glauben.

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