• Trainerwechsel in Stuttgart: Babbel: "Fans haben nach Robert Enkes Tod nichts gelernt"

Trainerwechsel in Stuttgart : Babbel: "Fans haben nach Robert Enkes Tod nichts gelernt"

Markus Babbel hat nach seiner Beurlaubung als Teamchef in Stuttgart harsche Kritik an den Fans und der Fußballszene geübt. Sein Nachfolger beim VfB wird Christian Gross.

Oliver Trust[Stuttgart]
313385_0_04e8a3fc.jpg
Zuletzt hatte Markus Babbel in Stuttgart wenig zu lachen. -Foto: dpa

Markus Babbels emotionale Abschiedsrede war kaum eine Stunde alt, als sein Nachfolger um die Ecke bog. Es schien als wollte man beim VfB Stuttgart den Begriff „Trainerwechsel“ einmal buchstäblich vorführen. Man hatte sich den gesamten Sonntag Zeit gelassen, alle Gerüchte, die im Umlauf waren, nicht bestätigt, um am Abend dann doch in Christian Gross den Mann vorzustellen, der die Schwaben vor dem Abstieg retten soll. Gross erhielt einen Vertrag über eineinhalb Jahre.

So musste auch Babbel bis zum Abend warten, bevor er nach einem „für mich bewegenden Jahr“ trocken sagte: „Wenn die Ergebnisse fehlen, wird ein Schlussstrich gezogen.“ Er wird nun seinen Trainerschein in Köln in aller Ruhe abschließen.
In der Führungsetage setzte sich die Erkenntnis durch, dass man reagieren müsse, um zu verhindern, „dass die Dinge weiter eskalieren“, sagte Manager Horst Heldt.

Am Samstag war es zu Ausschreitungen gekommen als Fans den Teambus auf dem Weg ins Stadion aufhielten und Rauchbomben zündeten. „Ich habe Tötungsgesten gesehen“, berichtete Ludovic Magnin. „Man kann den Fußballer Magnin kritisieren, aber man wollte den Menschen töten.“ Während der Partie verweigerten die Fans der Elf jede Unterstützung und entrollten ein Transparent: „Euer Kredit ist verspielt.“

Später kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei, die Schlagstöcke einsetzte. 1500 Fans blockierten anschließend die Stadionabfahrt sowie den Zugang zum Business-Center auf dem Klubgelände. „Was da passiert ist, zeigt, dass die ganze Fußballbranche und die Fans nichts gelernt haben. Was nach dem tragischen Tod von Robert Enke vor vier Wochen gesagt wurde, das zeigt sich jetzt, war nur Heuchelei“, schimpfte Babbel.

Der neue Trainer Christian Gross wollte eigentlich nie wieder einen Klub während einer laufenden Runde übernehmen. Der Züricher hatte bei Tottenham Hotspur schlechte Erfahrungen gemacht, hatte den Klub vor dem Abstieg gerettet und war bald darauf entlassen worden. Anschließend blieb Gross zehn Jahre in seiner Schweizer Heimat beim FC Basel. Um das Ausland machte der Coach einen großen Bogen. Jetzt sagte er: „Es reizt mich, etwas zu bewegen. Eine Mannschaft im Mittelfeld zu übernehmen wäre langweilig. Ich hasse diese Grauzonen.“ Gross lieferte drei Tage vor dem Endspiel des VfB in der Champions League gegen Unirea Urziceni um den Einzug ins Achtelfinale gleich sein vorläufiges Jobprofil beim 16. der Bundesligatabelle mit: „Retten, was zu retten ist.“

Der 55-jährige Gross gilt als strenger Fußballlehrer, der auf Disziplin wert legt, aber auch auf taktischem Gebiet einiges zu bieten hat. Mit Grasshopper Zürich und zuletzt dem FC Basel feierte er Erfolge, die in der Branche Eindruck hinterließen. Mit beiden gelang der Sprung in die Champions League. „Ich bin seit 20 Jahren Trainer, immer mit Leidenschaft. Wenn man ein Spiel verliert und der Gegner war nicht besser explodiere ich“, sagte er. Noch am Abend leitete Christian Gross das erste Training.

Babbel hatte eine Nacht lang Zeit, um seine Abschiedsrede zu schreiben. Am Abend zuvor musste er nach dem ernüchternden 1:1 gegen den VfL Bochum gleich zweimal in der Loge des Präsidenten Erwin Staudt antreten. Dort beschloss man die Trennung und teilte sie ihm auch mit. „Ich bin gestern kontaktiert worden und habe unterschrieben“, sagte Gross. „Jetzt sind wir auf Mittwoch fokussiert, da verlange ich Leidenschaft.“

Kraft und Fähigkeit das zu schaffen, hatten Babbel in Stuttgart schon seit langem nicht mehr alle aus der Führungsetage uneingeschränkt zugetraut. Zwischen Präsidium und Aufsichtsrat war vor Wochen ein Streit über Babbels Zukunft ausgebrochen. Während Babbels Freund, Wohnungsnachbar und VfB-Vorstandsmitglied Horst Heldt wie Vereinschef Staudt für eine Ablösung Babbels plädierten, verhinderte der einflussreiche Aufsichtsratschef Dieter Hundt den Wechsel zu Gross, den Heldt schon vor einer Woche vollziehen wollte. Hundt legte sein Veto ein. Nun zieht Hundt mit. Auch bei ihm hatten die Ereignisse des Samstages tiefen Eindruck hinterlassen.

Dabei hatte vor sechs Tagen Präsident Erwin Staudt Markus Babbel eine „Jobgarantie“ ausgestellt. Doch dessen Sofort-Maßnahmen wie die Absetzung von Kapitän Thomas Hitzlsperger blieben wirkungslos. Babbel ist auch mit dem Versuch gescheitert, gleichzeitig die Fußballlehrer-Lizenz in Köln zu machen und den Profikader des VfB zu betreuen. Schon in der Vorbereitung fehlte er, der VfB rutschte auf einen Abstiegsplatz. Nun steht nicht nur Babbel als Verlierer da, sondern auch die Führung der Schwaben.

Heute dann die Pressekonferenz mit Babbels harscher Kritik. Dass er Enke erwähnte, hat bei ihm auch noch einen persönlichen Hintergrund. Tief bewegt vom Suizid des Nationaltorhüters hatte Babbel damals erstmals über die Selbsttötung seines Bruders gesprochen.

„Mein Bruder hat vor 20 Jahren dasselbe getan wie Robert Enke. Auf dieselbe Art und Weise“, sagte der Coach mehreren Stuttgarter Zeitungen. Babbels vier Jahre älterer Bruder Gerhard war 1989 von einem Zug erfasst worden. Babbel war damals 17 Jahre alt.

Auf die genauen Umstände ging der Trainer des VfB Stuttgart damals nicht ein, aber es habe Parallelen zu der Tragödie um Enke gegeben. Auch sein Bruder habe seine Probleme für sich behalten wollen, „was in solchen Fällen typisch ist“, sagte Markus Babbel. Den Suizid Enkes bezeichnete er als einen „Schicksalsschlag, der wahnsinnig ist“. (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben