Training mit... : Alexander Straub: Ein Handwerker am Stab

Am 15. August beginnen in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Der Tagesspiegel hat aussichtsreiche deutsche Athleten bei der WM-Vorbereitung beobachtet. Folge 5: Stabhochspringer Alexander Straub.

Frank Bachner[Ulm]
Straub
Langer Aufschwung. Straub brauchte fünf Jahre, um in die Spitze zu springen. -Foto: dpa

Am 15. August beginnen in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Der Tagesspiegel hat aussichtsreiche deutsche Athleten bei der WM-Vorbereitung beobachtet. Heute Folge fünf: Alexander Straub, Stabhochspringer.

Die Luft steht, es ist schwül im Kraftraum. „Mach mal ein Fenster auf“, sagt Alexander Straub. Also macht Walter Straub ein Fenster auf, er hat das ja nicht als unangemessenen Befehl empfunden, eher als Anregung. Alexander Straub ist sein Sohn, sein Athlet ist er auch noch. 60 Kilogramm hat der Stabhochspringer Alexander Straub gerade hochgewuchtet, jetzt bringt der Trainer und Vater neue, schwerere Scheiben. Es geht hier alles unaufgeregt zu im Kraftraum des Donaustadions in Ulm. Straub startet für die LG Filstal, ein kleiner Verein in der Nähe von Stuttgart, da geht’s grundsätzlich familiär zu. In Ulm trainieren die Straubs nur, weil hier am nächsten Tag die deutschen Meisterschaften beginnen.

Alexander Straub wird den Titel holen, nach hartem Kampf allerdings erst. In einem Stechen gegen Tobias Scherbarth. Straub wird sich damit endgültig für die WM qualifizieren.

Der 25-Jährige hatte noch nie anders als mit harter Arbeit Erfolg. Er ist keiner dieser Überflieger, die sich förmlich nach oben katapultieren. Raphael Holzdeppe sprang mit 17 Jahren 5,42 Meter, mit 19 schon 5,80 Meter. Fabian Schulze überquerte als 19-Jähriger 5,45 Meter, mit 22 schon 5,81 Meter. Straub benötigte fünf Jahre, um sich von 5,30 Meter auf 5,81 Meter zu steigern. Aber in diesem Jahr ist er der beste Deutsche, im Juni bewältige er 5,81 Meter.

Straub hat den Kraftraum verlassen, er ist jetzt an der Anlage. Ohne Stab läuft er an, 42 Meter, 18 Schritte, mit einem Filzstift markiert er die Stelle, an der er den Stab in den Einstichkasten setzen will. Der 25-Jährige hat seine Rolle, er ist eher der Handwerker als der Künstler in der Szene der Stabhochspringer. Und da es sinnlos ist, gegen diese Rolle anzukämpfen, zieht Straub das Beste aus ihr. „Wenn man schnell nach oben kommt“, sagt er, „erarbeitet man sich die Technik nicht konsequent. Dann kann es sein, dass sich kleine Fehler einschleichen.“

Außerdem stärken die vielen kleinen Niederlagen auch die Nerven. Jahrelang hatte Straub Mühe, in die Felder von guten Meetings zu kommen. Aber er lernte dabei, sich abzuhärten. „Ich habe keine Panik mehr, wenn Regen fällt, wenn ein Kampfrichter komisch reagiert oder die Anlage nicht optimal ist.“

Jeder Schritt vorwärts war das Aufrappeln nach einer Niederlage. 2005 flog er wegen mangelnder Leistungen aus dem Bundeskader, danach gestaltete er sein Training stärker mit. 2008 stellte er seine Ernährung um, reduzierte die Zahl seiner Marktplatz-Sprünge, aber die Olympischen Spiele verfolgte er am Fernseher. Straub war zu spät in Topform gekommen. Als er 5,81 Meter überquerte, waren drei andere für Peking bereits nominiert. Also verzichtete er bis jetzt in diesem Jahr auf alle Show-Wettkämpfe.

Straub ist jetzt auf dem Einlaufplatz. Walter Straub stellt fünf Hürden hintereinander auf, jede 91 Zentimeter hoch. Der Sohn springt mit beiden Beinen ab, fünf Mal überquert er alle Hindernisse hintereinander. Dann: Schluss für heute. Straub hat viel Zeit zum Trainieren. Im Juni hat er sein Studium, Verfahrenstechnik, abgebrochen. Im Wintersemester hatte er gerade mal eine Prüfung geschrieben, er hatte einfach keine Zeit fürs Studium. Wie es nun weitergeht, interessiert ihn gerade nicht sonderlich.

Er konzentriert sich auf den Sport. Außerdem muss er noch mit einem ganz anderen Thema klarkommen. Auf dem linken Oberarm hat sich Straub eine „14“ tätowieren lassen, die von einem Kreis umschlossen ist. Es ist keine Botschaft an die Umwelt, es ist ein Zeichen für ihn ganz allein. Alexander Straub will damit gedenken. Die „14“ stand auf dem Motorrad, mit dem sein bester Freund Rennen gefahren ist. Mit diesem Freund hat Straub stundenlang an Autos gebastelt. Sechs Wochen vor Ulm ist der Freund in Oschersleben tödlich verunglückt. „Ich habe ziemlich lange gebraucht, um das zu verarbeiten“, sagt Straub und blickt über die Sitzreihen des Ulmer Stadions ins Leere.

Nach einer Pause wendet er den Kopf. Dann sagt er leise: „Ganz habe ich es bis heute nicht geschafft.“

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