Training mit ... : Robert Harting: Modell Marktplatztyp

Am 15. August beginnen in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Der Tagesspiegel hat aussichtsreiche deutsche Athleten bei der WM-Vorbereitung beobachtet. Heute Folge zwei: Robert Harting, Diskuswerfer.

Friedhard Teuffel[Kienbaum]
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Mit Wucht voraus. Harting zählt trotz Rückenentzündung zu den WM-Favoriten. Foto: dpa

In Kienbaum, im Bundesleistungszentrum, bestimmen die Sportler die Kleiderordnung, und Robert Harting hat sich erst einmal für den freien Oberkörper entschieden. Den trägt er nun durch die Cafeteria, verziert nur durch ein türkisfarbenes Kinesiotape, das er sich quer über Rücken und Bauch geklebt hat. „Ich habe mir die Rippen nach hinten gezogen mit dem Band“, sagt er, „es gibt mir Hoffnung, wenn wir etwas Neues haben, das gegen die Schmerzen helfen könnte.“

Diskuswerfer waren in der Antike der Inbegriff der Modellathleten, auch Hartings Oberkörper könnte Vorlage für eine Statue sein. Doch nach seiner Aussage wirkt er nicht mehr ganz so imposant, weil es unter der Haut wohl ganz anders aussieht. Eine Entzündung im Rücken, die einfach nicht verschwinden will. „Bei jeder Drehung tut es weh“, sagt er. Sie hätten schon viel versucht, damit es besser wird. Aber eines kann der Berliner Diskuswerfer schon vorhersagen für diese Weltmeisterschaften: „Ich werde auf keinen Fall schmerzfrei starten.“

Für diesen Tag hat er den harten Teil des Trainings erst einmal hinter sich, Gewichte stemmen im Kraftraum. Auf sieben, acht Tonnen sei er gekommen, wenn er alles zusammenrechnen würde, was er da an Eisen nach oben gewuchtet hat. Jetzt ist erst einmal ein bisschen Zeit zum Entspannen und Erzählen. Aber kann Harting auch zur Ruhe kommen?

Da sind einerseits die Schmerzen, andererseits ist er nicht irgendeiner von 2500 Teilnehmern bei dieser WM. Die WM kommt in seine Stadt. Abgesehen vom Geher André Höhne gibt es niemand, mit dem der 24-Jährige die Rolle der Lokalgröße teilen könnte. Zumal er auch noch als Zweiter der vergangenen WM an den Start geht und als Vierter der Olympischen Spiele. Doch bis jetzt hat Harting noch ein entspanntes Verhältnis zum Weltsportjahreshöhepunkt. „Zwischendurch hatte ich befürchtet, dass ich mir da psychisch was einbaue, aber ich freue mich total drauf.“

Im Moment fällt alles, was von oben auf ihn hereinbricht, auf die Seite der Vorteile. Zuschauer werden im Stadion sein, die nur für ihn gekommen sind. „Da wachsen dir drei Adern mehr auf dem Arm“, sagt er. Und es wird nicht nur von ihm etwas gefordert bei dieser WM, er kann auch selbst fordern. Sein Auftrag an den Stadionsprecher lautet etwa: „Es muss parteiisch ablaufen, da muss Druck rein.“ Also keine braven Ansagen, dass jetzt ein Berliner Junge den Ring betritt und man sich ja vielleicht überlegen könnte, ein bisschen zu klatschen. „Ich bin sowieso eher der Marktplatztyp“. Dass er seine Bestweite von 68,65 Meter in dieser Saison noch nicht übertroffen hat – ebenfalls ein Vorteil. „Wenn du jetzt 73 wirfst, ist das eher hinderlich als förderlich.“ Eine Weite zwischen 67,5 und 68,5 Meter peilt Harting an. Das könnte reichen für einen Platz auf dem Siegerpodest.

Sein Training hat er in diesem Jahr etwas verändert, weniger Intensität, dafür mehr Technik. Auf vierzig Würfe bringt er es pro Tag; die aber mit höchster Konzentration. Er will es nicht übertreiben, um nicht zu müde zu werden, und um nicht das gleiche wie in der vergangenen Saison zu erleben. Da hatte er viel Kraft, war jedoch mit seiner Technik nicht zufrieden. „In Peking hatte ich drei, vier Baustellen“, sagt er. Seinen Wurf zerlegt er in mehrere Positionen von der Aufstellung bis zum Abwurf, die Schwierigkeiten in Peking hätten schon bei Position eins begonnen und sich bis zum Impuls beim Andruck gestreckt. Viel korrigieren könne er in einem Wettkampf nicht. Denn wenn er sich zu sehr auf die einzelnen Positionen konzentriere, verliere er Zeit und damit Geschwindigkeit. Mit seinen großen Händen baut Harting nun zwei Pyramiden in die Luft. Die eine ist unten breit und steigt dann langsam auf. Das ist das Training aus dem vergangenen Jahr. Die andere ist unten schmaler und läuft dafür steiler nach oben – sein Trainingsaufbau in dieser Saison.

Von der Terrasse kommt Werner Goldmann in die Cafeteria und grüßt freundlich. „Ich freue mich wieder, wenn ich meinen Trainer sehe“, sagt Harting. Das war bis vor einigen Wochen nicht so. Goldmann stritt mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) um Weiterbeschäftigung, der Verband hatte sich von Goldmann getrennt, die Verstrickung des Trainers ins DDR-Dopingsystem wollte der DLV nicht einfach so auf sich beruhen lassen. „Ich habe dieses Thema abgekriegt“, klagt Harting. Inzwischen bewegen sich Verband und Goldmann aufeinander zu. Auch Harting hat sich mit Goldmann arrangiert.

Aber da ist etwas, das den Werfer doch aus der Ruhe bringt: Der Gedanke, was es eigentlich wert sein könnte, wenn noch eine Medaille um seinen Hals baumelt. „Du stehst da in der Liste, aber es ist nichts, was bleibt.“ Zufriedenheit suche er, sagt Harting, die könne ihm Erfolg beim Diskuswerfen eben nicht auf Dauer bringen. „Sport ist nur so lange geil, wie es läuft, aber er wirkt nicht nach“, sagt Harting, „ich will etwas von Dauer erschaffen, irgendwas“, sagt er. Wenn sein letzter Diskus auf der Wiese gelandet ist, wird er intensiv danach suchen.

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