Trainingsauftakt bei Hertha : Kroatien antwortet nicht

Herthas Trainer Lucien Favre würde gern mit Josip Simunic sprechen, kann ihn aber nicht erreichen. Während seine Mitspieler in die Saisonvorbereitung einsteigen, ist der Berliner Verteidiger weit weg.

Sven Goldmann
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Lucien Favre muss bei Hertha nicht nur das Training leiten, sondern auch eine neue Mannschaft aufbauen. -Foto: dpa

Berlin - Michael Preetz sagt: „Gut, dass der Ball wieder rollt.“ Zeit wird es, nachdem so viel geredet und geschrieben wurde über Hertha BSC in den vergangenen Wochen, auch und gerade über Michael Preetz, der die Position des Geschäftsführers von Dieter Hoeneß geerbt hat. Seit Donnerstag wird nun wieder Fußball gespielt. Im kleinen Kreis, denn die in Nationalteams auf der ganzen Welt engagierten Hertha-Profis haben ein paar Tage länger Urlaub und werden erst in der ersten Juliwoche zur Mannschaft stoßen. 13 Feldspieler und drei Torhüter verlieren sich im Dauerregen auf dem riesigen Olympiagelände. „Ist schon ein bisschen weitläufiger als in Hoffenheim“, sagt Christoph Janker, der bislang einzige Zugang des Berliner Bundesligisten.

Josip Simunic ist weit weg. An irgendeinem Strand in Kroatien, wo die Telefonnetze so stark überlastet sind, dass ihn die Anrufe seines Trainers nicht erreichen. Lucien Favre hätte ganz gern ein paar Worte gewechselt mit dem Innenverteidiger, der Hertha BSC gern verlassen würde, angeblich, weil er sich von seinem Trainer nicht angemessen gewürdigt fühlt. Favre sagt, das sei ein ziemlicher Blödsinn, „da ist viel Falsches geschrieben worden“, und er versuche seit ein paar Tagen, Kontakt zu Simunic aufzunehmen, telefonisch und per SMS, ohne Erfolg. Ob das nicht ein wenig seltsam sei, wird Michael Preetz gefragt. Der nickt und lacht und erzählt die Geschichte von dem „vielleicht überlasteten Telefonnetz in Kroatien“. Am 6. Juli aber habe Simunic selbstverständlich seinen Dienst anzutreten. Einen Tag später wird das offizielle Mannschaftsfoto geschossen, für Simunic liegt ein blau-weiß gestreiftes Trikot mit der Nummer 14 bereit. Auch wenn er sich wohl lieber 200 Kilometer weiter nördlich in Hamburg ablichten lassen würde.

Es sind seltsame Tage bei Hertha BSC. Hoeneß steht noch bis zum 30. Juni unter Vertrag und ist ein häufig gesehener Gast in der Geschäftsstelle. Seit Dienstag räumt er sein Büro aus und verabschiedet sich von ihm gewogenen Mitarbeitern. Nachfolger Preetz versucht, die Hinterlassenschaft einer bescheidenen Finanzlage zu ordnen und mit wenig Geld drei, vier neue Spieler zu holen. „Wir müssen sportliche Qualität und finanzielle Machbarkeit im Auge behalten“, sagt Preetz. Beides dürfte nur miteinander zu verbinden sein, wenn die Personalie Simunic zu einem schnellen Ende geführt wird.

Im Berliner Präsidium haben sie reichlich irritiert zur Kenntnis genommen, wie bereitwillig die überragende Spielerpersönlichkeit der vergangenen Saison den erstbesten Anlass für einen Abschied aus Berlin aufgriff. Manche sprechen von einem Muster, denn Simunic habe schon in den vergangenen Jahren stets versucht, seine Verhandlungsposition während eines laufenden Vertragsverhältnisses zu verbessern.

Das mit der fehlenden Dankbarkeit mag Favre ohnehin nicht stehen lassen. Nach dem ersten Training erzählt der Trainer zum wiederholten Mal, wie er bei seinem Dienstantritt im Sommer 2007 eine Best-of-DVD von Simunic studiert und wenig Gutes dabei entdeckt hatte. Der zuletzt so filigrane Stratege hatte damals den Ruf eines latent von Platzverweisen bedrohten Psychopathen weg. „Ich habe dann wie ein Verrückter mit ihm gearbeitet, und ich denke, er hatte ein, zwei sehr gute Saisons“, sagt Favre, und natürlich wolle er genau dort weitermachen, „Josip ist ein wichtiger Spieler für uns“.

Noch wichtiger könnte er im Falle eines Verkaufs werden. Denn natürlich weiß niemand, ob Simunic mit 31 Jahren noch eine komplette Saison auf dem überragenden Niveau des vergangenen Jahres spielen kann. Intern ist man bei Hertha einem Verkauf nicht abgeneigt – aber nur, wenn es finanziell lohnt. Für die vier Millionen Euro, die der HSV bietet, wird Simunic keinesfalls aus seinem Vertrag entlassen. Mit der vertraglich festgeschriebene Ablöse von sieben Millionen könnte Hertha auf dem Transfermarkt sehr viel offensiver auftreten. Vor zwei Jahren verkaufte Hertha für knapp acht Millionen Euro Kevin-Prince Boateng an Tottenham Hotspur und baute die Mannschaft auf, die in der vergangenen Saison auf Platz vier stürmte. Simunic könnte der Boateng des Sommers 2009 werden.

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