Trainingslager : Bundestrainer Joachim Löw ist "absolut entspannt"

So wie die Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft auf die EM sich in der Praxis gestaltet, müsste Bundestrainer Joachim Löw eigentlich mit hängenden Mundwinkeln durch die Gegend laufen. Doch dem ist nicht so.

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Da kann der Blick schon mal ins Weite schweifen. Joachim Löw im Trainingslager auf Sardinien.
Da kann der Blick schon mal ins Weite schweifen. Joachim Löw im Trainingslager auf Sardinien.Foto: dpa

Joachim Löw steckte den Kopf durch die Tür zum Fußballplatz, er hob die Hand und wünschte den Fotografen einen guten Morgen. "Noch mal, bitte!", riefen die Fotografen, weil eine unbefugte Personen im Bild gestanden und ihnen das Motiv versaut hatte. Löw überlegte kurz, dann packte er den Türpfosten, schwang seinen Oberkörper durch die Tür, das linke Bein in die Luft wie Fred Astaire beim Tanz um einen Laternenmast und hob zum Gruß die Hand. Großer Jubel. Der Bundestrainer lachte und ging seiner eigentlichen Arbeit nach. 

Komisch, eigentlich dürfte Löw alles haben, nur keine gute Laune. So wie die Vorbereitung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf die Europameisterschaft sich in der Praxis gestaltet, müsste der Bundestrainer mit hängenden Mundwinkeln durch die Gegend laufen. Aber dem ist nicht so. Löw genießt die Tage auf Sardinien. "Die Umgebung stimmt", sagt er, "es ist riesig schön hier." Aber die Nationalmannschaft ist nun mal nicht zur Erholung auf die Insel im Mittelmeer gereist. Und hat nicht Löw selbst in einem Interview mit der hauseigenen Presseabteilung gesagt, dass die Vorbereitung ein bisschen zerrüttet sei? Zerrüttet, zerstückelt, zersplittert – an einem einzelnen Begriff solle man sich doch nicht festhalten, hat der Bundestrainer am heutigen Mittwoch gesagt. "Natürlich bereitet uns die Vorbereitung ein paar Schwierigkeiten mehr als in den vergangenen Jahren, aber ich bin absolut entspannt. Tiefenentspannt." 

Der vorläufige EM-Kader in unserer Bildergalerie:

Das vorläufige deutsche EM-Aufgebot
Bundestrainer Joachim Löw hat 27 Spieler nominiert, mit zur EM nimmt er 23. Wer schafft es nach Polen und in die Ukraine, wer muss zuhause bleiben?Weitere Bilder anzeigen
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07.05.2012 13:00Bundestrainer Joachim Löw hat 27 Spieler nominiert, mit zur EM nimmt er 23. Wer schafft es nach Polen und in die Ukraine, wer muss...

Löw selbst ist erst mit Verspätung auf Sardinien eingetroffen, weil er sich noch das Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund anschauen wollte. In Berlin konnte er mehr Nationalspieler bei der Arbeit beobachten als in Abbiadori auf dem Trainingsplatz. Bei seiner ersten Einheit auf sardischem Boden, beaufsichtigte der Bundestrainer gerade mal neun Spieler, darunter drei Torhüter. Der ohnehin luxuriöse Betreuungsschlüssel hatte sich durch sein Erscheinen noch einmal geringfügig verbessert: Auf neun Spieler kamen jetzt insgesamt sieben Trainer. Davon können selbst die teuersten Privatschulen in der Schweiz nur träumen.

Benedikt Höwedes musste wegen Problemen in der Wade drei Tage mit dem Training aussetzen, Miroslav Klose reiste am Montag mit einer Innenbandzerrung am rechten Sprunggelenk an, und Lukas Podolski ist wegen einer Muskelverhärtung auch erst einmal vom normalen Trainingsbetrieb befreit. Doch mehr noch als die körperliche Pein scheinen dem Gefühlskölner Podolski seelische Schmerzen zu schaffen zu machen. Der Abstieg seines Herzensvereins, überhaupt der ganze Wirbel in der abgelaufenen Saison, "das hat ihm ein Stück weit zugesetzt", sagt Löw. "Aber er ist auf dem Weg dahin, wieder der alte Lukas zu werden."

Mit der Ankunft der fünf Dortmunder Doublegewinner am Dienstagnachmittag ist der DFB-Tross in Sardinien immerhin auf 17 Spieler angewachsen; an normales Mannschaftstraining, die taktische Feinabstimmung etwa, ist trotzdem noch nicht zu denken. Die Spieler befinden sich längst noch nicht alle auf einem einheitlichen körperlichen Niveau – aber gerade deshalb hält die sportliche Leitung die Woche auf Sardinien für immens wertvoll. "Man kann es sich auch positiv hindrehen", sagt Torwarttrainer Andreas Köpke. "Man hat die Möglichkeit, mit wenigen Spielern individuell zu arbeiten." Bei einigen, so Löw, könne man nun ganz gezielt die Probleme angehen, die es noch gebe. Bei Miroslav Klose zum Beispiel, der nach seiner langen Verletzung natürlich noch nicht in Topform sei.

Sorgen mit Blick auf die EM macht sich der Bundestrainer nicht. "Die Mannschaft wird gut präpariert ins Turnier gehen", sagt er. Die allgemeine Aufregung ist wesentlich größer als seine eigene Besorgnis. Ob die schwierige Vorbereitung Auswirkungen auf seine Erwartungen an die EM habe, ist Joachim Löw heute Mittag gefragt worden. Ja, antwortete  er, "Stand heute sind wir völliger Außenseiter." Dann lacht er wieder.

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