Trainingslager : Hellblau über Hertha

Die Berliner Fußballprofis arbeiten hart im Trainingslager in Portugal – und das bei bester Laune. Die portugiesischen Reporter erkennen Ronny nicht wieder.

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Hertha hat Spaß. Ronny lacht auch im Liegen mit Adrian Ramos. So viel Selbstironie war lange nicht beim Berliner Zweitligisten.
Hertha hat Spaß. Ronny lacht auch im Liegen mit Adrian Ramos. So viel Selbstironie war lange nicht beim Berliner Zweitligisten.Foto: Ottmar Winter

Die Tage werden wieder länger. Auch und gerade für die Belegschaft des Fußballkonzerns Hertha BSC, was im konkreten Fall nicht nur am Überschreiten der Wintersonnenwende liegt, sondern an dem Morgenlauf, den Trainer Markus Babbel regelmäßig ansetzt. Um 7:30 Uhr, zu einer für Fußballprofis eher ungewöhnlichen Zeit, geht es durch die Parklandschaft des Teamquartiers in Portimao. Lange bevor die Sonne sich über den Palmen zeigt und die anderen, dem Golf zugeneigten Hotelgäste sich auf dem Weg zum Abschlag machen. Herthas Stürmer Rob Friend sagt, man möge sich doch bitte nicht täuschen lassen von dem eher spielerisch geprägten Training, „mit dem Morgenlauf haben wir jeden Tag drei Einheiten, das ist verdammt anstrengend, so hart habe ich im Winter noch nie gearbeitet“.

Nun definiert der Kanadier Friend Fußball vor allem als Arbeit und gewinnt aus zusätzlicher Belastung zusätzliche Bestätigung. Überraschender ist, wie problemlos die Künstlerkolonie aus Südamerika das Tagwerk unter der portugiesischen Sonne wegsteckt. Der Brasilianer Ronny etwa war wahrscheinlich noch nie seit seiner spätpubertären Phase so fit und schlank wie in diesen Tagen von Portimao. Im Sommer noch hatte er sich mit reichlich Übergewicht zum Dienstantritt in Berlin gemeldet. Am Donnerstag, als Hertha zum ersten Test des Jahres gegen den holländischen Zweitligisten FC Zwolle antrat, fragten portugiesische Journalisten irritiert nach, ob es sich wirklich um den Ronny handelte, der vier Jahre lang die Ersatzbänke von Sporting Lissabon und Uniao Leiria platt gesessen hatte. Ronny trickste, schlug kluge Pässe und schoss ein wunderschönes Tor, worauf die halbe Mannschaft zur Gratulationscour vorstellig wurde. „Seine Entwicklung ist großartig“, sagt Markus Babbel, und dass der runderneuerte Ronny sozusagen der erste Neuzugang für die Rückrunde sei.

Rund um Hertha BSC herrscht in diesen Tagen eine veränderte Großwetterlage, meteorologisch wie atmosphärisch. Vor einem Jahr schufteten die Berliner im eiskalten Dauerregen von Mallorca unter Friedhelm Funkel für die aussichtslose Mission, die Strafversetzung in die Zweite Liga noch irgendwie abzuwenden. In Portimao prophezeien die ortsansässigen Meteorologen seit Tagen Niederschläge, aber das Wetter schert sich nicht darum und schickt immer wieder die Sonne zur Wolkenverdrängung an den blauen Himmel. Und Babbel ist mit seiner nie aufgesetzt wirkenden guten Laune der größtmögliche Kontrast zu seinem griesgrämigen Vorgänger Friedhelm Funkel.

Das färbt ab auf die Befindlichkeit des Personals. „Obwohl wir hier härter arbeiten als vor einem Jahr, haben wir mit diesem Trainerteam mehr Spaß“, sagt der Rekonvaleszent Patrick Ebert, einer von denen, die auch schon auf Mallorca dabei waren. Babbel definiert die Arbeitsatmosphäre im Winterquartier als „angemessene Mischung zwischen Spaß und Anspannung“ mit ausbalancierten Anteilen, denn eine Rundum-Sorglos-Veranstaltung ist diese Vorbereitung nun auch nicht.

Neun Tage vor dem Rückrundenauftakt bei Rot-Weiß Oberhausen besteht immer noch ein Hauch von Ungewissheit darüber, wer im Stadion Niederrhein das Berliner Tor hüten und davor für Ordnung sorgen wird. Zwar verkündet der Holländer Maikel Aerts Tag für Tag mit seiner Reibeisenstimme, alles laufe bestens, „das Knie zeigt keine Reaktion“. Ein erster Test unter Wettkampfbedingungen aber ist vorsichtshalber verschoben worden auf den Samstag, für das Spiel gegen den belgischen Erstligisten Standard Lüttich. Aerts hat sich im vergangenen Jahr einen Kreuzbandanriss zugezogen, sein letztes Spiel liegt zweieinhalb Monate zurück, was Babbel nicht weiter interessiert. Die Torhüterfrage stelle sich nicht, Aerts werde auf jeden Fall spielen, sagt Babbel, es sei denn, „ihm fliegt das Kreuzband um die Ohren“.

Am Donnerstag, beim 2:0 gegen Zwolle, hat Aerts auf der Tribüne neben einem holländischen Kumpel gesessen und denkbar entspannt zugeschaut. Seine Stellvertreter Marco Sejna und Sascha Burchert konnten den Nachmittag zur aktiven Regeneration nutzen, beschützt von den Innenverteidigern Roman Hubnik, Andre Mijatovic und Kaka, die in Oberhausen wegen Sperren und strukturbedingter Schwächen nicht spielen werden. Babbel plant für das Abwehrzentrum mit Sebastian Neumann und Fabian Lustenberger, beide plagen sich noch mit leichten Verletzungen. Aber wenn alles schieflaufe, stehe da ja auch noch die ein wenig angejahrte Variante mit Cheftrainer und Zeugwart zur Verfügung. „Markus Babbel und Hendrik Herzog, das wär’s doch“, sagt Babbel und lacht kurz.

Zeichen einer selbstironisierenden Perspektive, wie sie vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre bei Hertha BSC.

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