Trainingslager : Herthas Junge werden langsam frech

Markus Babbel hat bei Hertha etliche Talente eingebaut, die den etablierten Spielern Konkurrenz machen. Pierre-Michel Lasogga ist der exponierteste Vertreter der nachrückenden Generation, aber nicht der einzige.

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Mit geballter Macht. Die Jungen (hier, von links nach rechts, Schulz, Djuricin, Knoll, Beichler und Lasogga) drängen bei Hertha BSC in die Startelf.
Mit geballter Macht. Die Jungen (hier, von links nach rechts, Schulz, Djuricin, Knoll, Beichler und Lasogga) drängen bei Hertha...Foto: Ottmar Winter

Als die Arbeit getan war und der große Regen nach Portimao kam, hatten Pierre- Michel Lasogga und Laurent Ciman noch etwas zu bereden. Es ging dabei um die Perspektive des Tabellenzweiten Hertha BSC, die der Belgier Ciman offenbar so hoch einschätzte, dass er die für ihn naheliegende Frage stellte, ob Hertha Borussia Dortmund noch einholen könne. Nein, nein, „wir sind Zweiter hinter Augsburg“, erwiderte Lasogga, und vielleicht ist seinem Gesprächspartner erst in diesem Augenblick aufgegangen, dass er gerade gegen einen Zweitligisten verloren hatte.

Manchmal sind unausgesprochene Komplimente ja die schönsten. Markus Babbel jedenfalls war stolz auf diesen 2:1- Sieg über Standard Lüttich zum Abschluss des Trainingslagers an der Algarve. „Die musst du erst mal schlagen“, sagte der Berliner Trainer. Standard steht daheim in der Ersten Division auf Platz sechs, „eine international erfahrene Mannschaft, aber wir haben sehr gut dagegengehalten“, fand Babbel, und besonders gut gefallen hatte ihm, wer die entscheidenden Stiche gesetzt hatte. Es war die nachrückende Generation, nach 55 Minuten durch eine zehn Spieler umfassende Masseneinwechslung ins Spiel geschickt, die sich für beide Tore verantwortlich zeichnete.

Die 90 Minuten gegen Standard Lüttich waren kein gewöhnliches Testspiel mit beschaulichem Tempo und körperlicher Zurückhaltung. Auf Höhe der Mittellinie parkte ein Bus mit der Aufschrift „Cruz Vermelha Portuguesa“. Drei, vier Mal waren die Männer vom Portugiesischen Roten Kreuz drauf und dran, mit ihrer Tage auf den Platz rennen. Peter Niemeyer, Herthas Stratege im defensiven Mittelfeld, war in mehrere kurz vor der Handgreiflichkeit stehende Aktionen verwickelt, aber auch die jungen Spieler zogen keinen Fuß zurück. Genauso hatte Babbel sich das vorgestellt, „an diese Härte müssen wir uns für die Rückrunde gewöhnen“.

Fußball wird mit den Beinen gespielt, aber im Kopf entschieden. Psychische Robustheit lässt sich schwer antrainieren, sie wächst durch stetige Erfahrung an der Seite älterer Spieler. Oder sie ist einfach vorhanden, ein Geschenk der Natur, zum Beispiel bei Pierre-Michel Lasogga. Der ist vor ein paar Wochen 19 Jahre alt geworden und hat in der vergangenen Saison noch in der A-Jugend von Bayer Leverkusen gespielt. Bei Hertha war er als Aufbaukandidat für die Zukunft eingeplant und ist doch längst zu einer ernsthaften Herausforderung für den zwei Millionen Euro teuren Stürmer Rob Friend geworden. Lasogga lässt sich durch keinen Tritt und keinen Spruch einschüchtern, er arbeitet auf dem Platz „wie eine Hafennutte“ (Manager Michael Preetz) und hat dabei immer nur eins im Sinn, nämlich den Ball irgendwie aufs Tor zu jagen.

Am Donnerstag, beim Test gegen den FC Zwolle, hätte er bei einem vielversprechenden Angriff unbedingt quer zu Marvin Knoll oder steil auf Marco Djuricin spielen müssen. Lasogga aber drosch aus gut 25 Metern einfach aufs Tor, wo der zur Bewachung zuständige Torhüter gerade ein Schläfchen eingelegt hatte und den Ball durch die Hände gleiten ließ. Gegen Lüttich wurde er am Samstag abwechselnd von zwei hünenhaften Innenverteidigern drangsaliert und einmal böse an der Wade erwischt, allerdings fernab der Augen des Schiedsrichters. Lasogga stand auf und schüttelte sich kurz, er ignorierte die mutmaßlich hämischen Bemerkungen seines Gegenspielers, nicht aber die zur Revanche empfohlene Anweisung seines Trainers, die da lautete: „Komm, Pierre, mach einfach ein Tor.“ Fünf Minuten später zappelte der Ball im Netz.

Pierre-Michel Lasogga ist der exponierteste Vertreter der nachrückenden Generation, aber nicht der einzige. Da ist zum Beispiel Marvin Knoll, 20, der im Trainingsquartier von Portimao seinen ersten Profivertrag unterschrieben hat. Knoll flankt mit dem linken Fuß so scharf und gut, wie Sebastian Deisler das mit rechts konnte. Aus einer seiner Flanken resultierte gegen Lüttich das 2:0 durch Lasogga. Daniel Beichler, der zuvor schon das Führungstor geköpft hatte, hatte den Ball per Kopf verlängert. Der Österreicher Beichler, 22, hat in der Hinrunde wegen einer Verletzung und der folgenden atmosphärischen Probleme mit Trainer Babbel noch keine einzige Minute für Hertha gespielt. Auch Fanol Perdedaj, 19, und Alfredo Morales, 20, lauern auf ihre Chance, dazu Patrick Ebert, 23, der nach seiner langen Verletzung aber noch Zeit braucht.

„Jeder drängt in die Mannschaft“, sagt Babbel, „das ist ein gutes Zeichen“, auch für die neue Tiefe im Kader, keiner könne sich mehr sicher fühlen. Mal abgesehen von Maikel Aerts, dem Torhüter mit der Reibeisenstimme, die gegen Lüttich zum ersten Mal seit zehn Wochen Verletzungspause wieder über den Platz dröhnte. Aerts parierte einen Kopfball, er fing zwei Flanken und wehrte einen Schuss zur Ecke ab, aber viel entscheidender war der ideelle Wert seines Mitwirkens. „Maikel ist ein echter Typ, der staucht die Jungs auch mal in der Kabine zusammen, vor dem hat jeder Respekt“, sagt Manager Michael Preetz. „Solche Leute haben uns in der letzten Saison gefehlt.“

Aerts’ Position in der Mannschaft ist unangefochten und wird auch akzeptiert von Sascha Burchert und Marco Sejna, die mehr Partner denn Konkurrenten sind. Am Mittwoch wird der Holländer sein lädiertes Knie noch mal über 90 Minuten gegen den SV Babelsberg testen, aber an einem Einsatz beim ersten Punktspiel am kommenden Montag in Oberhausen zweifelt er ohnehin nicht: „Ich bin Profi und will immer spielen, was glaubst du denn?“

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