Transfer-Markt : Das Land meiner Wahl

Viele Bundesligaklubs suchen sich ihre neuen Spieler stets in einer bestimmten Region.

Karsten Doneck

Berlin - Früher waren die Absichten noch leicht durchschaubar. In den siebziger Jahren und Anfang der Achtziger – da verpflichtete der Hamburger SV einfach mal Ole Björnmose oder Lars Bastrup. Das lag auch nahe. Beide sind Dänen, Dänemark wiederum liegt geografisch nicht allzu weit von Hamburg entfernt und der HSV spekulierte darauf, auf diese Weise nicht nur die Leistung der Mannschaft, sondern auch sein Zuschaueraufkommen im zugigen Volksparkstadion durch Besucher aus dem Nachbarland steigern zu können. Das war einmal.

Auch neuerdings erwecken einige Vereine in der Fußball-Bundesliga wieder den Eindruck, als würde sich ihre Suche nach Verstärkungen aus dem Ausland auf ganz spezielle Länder beschränken. Jeder Klub bevorzugt bei seiner Blockbildung andere Nationalitäten. Der VfL Wolfsburg bedient sich gerne in Argentinien, Energie Cottbus sammelt in Osteuropa seine neuen Spieler ein, Hertha BSC überrascht den eigenen Anhang immer wieder mal mit einem neuen Brasilianer, der HSV legt seinen Schwerpunkt auf Holländer.

Die Gründe für derlei Vorlieben sind vielfältig. Energie Cottbus zum Beispiel muss bei seinen Transfergeschäften stets sehr penibel aufs Geld achten. „Wir können nur das machen, was unsere Möglichkeiten hergeben“, sagt Trainer Bojan Prasnikar. Und so sucht der Verein eben in Rumänien, Mazedonien und Bulgarien nach Spielern, die nach Möglichkeit nicht nur ablösefrei zu haben sind, sondern deren Gehaltsvorstellungen sich, schon aufgrund eines nicht gerade luxuriösen Lebensstandards in ihrer Heimat, noch im erschwinglichen Rahmen bewegen.

„Wir wollen ein Sprungbrett sein für Spieler aus Osteuropa“, sagt Energies Manager Steffen Heidrich. Sprungbrett? Das hört sich generös an, ist aber nur die eine Seite. Die andere beinhaltet die Überlebensstrategie: Cottbus hofft, preiswert erworbene Spieler so auszubilden, dass sie teuer an andere Klubs weiterverkauft werden können. Wie geschehen im Falle der beiden Torjäger Vlad Munteanu und Sergiu Radu. Die gaben die Lausitzer – begleitet von bitterbösen Kommentaren der Fans – vor der vorigen Saison an den VfL Wolfsburg ab. Die Wolfsburger zahlten für beide 4,5 Millionen Ablöse. Um diese Spieler nach Cottbus zu holen, hatte der FC Energie aber nur 300 000 Euro locker machen müssen – für beide.

Beim VfL Wolfsburg spielen hingegen die Kontakte des Hauptsponsors die entscheidende Rolle. Volkswagen macht’s möglich: „VW Argentina“ öffnete dem VfL die Türen. Der damalige VfL-Manager Peter Pander verbrachte seinerzeit viele Stunden seiner Lebensarbeitszeit im Flugzeug, um in Argentinien fußballerische Beziehungen zu intensivieren, Spieler zu beobachten und sie schließlich für die Reize Wolfsburgs zu erwärmen.

Profis wie Andres d’Alessandro, Jonathan Santana, Facundo Hernan Quiroga oder Juan Carlos Menseguez folgten den Verlockungen – klangvolle Namen, alles Argentinier, alle schon mal oder noch beim VfL Wolfsburg beschäftigt. Der Bundesligist pflegt mittlerweile eine Partnerschaft mit dem argentinischen Spitzenklub River Plate Buenos Aires. Allerdings: Im Gegensatz zu Cottbus fehlt in Wolfsburg nicht unbedingt das wirkungsvollste Lockmittel: Geld. Um d’Alessandro zu holen, machte der VfL mal eben neun Millionen Euro locker. Wohl dem, der’s hat.

Der HSV wiederum setzt auf Holländer: Khalid Boulahrouz, Rafael van der Vaart, Joris Mathijsen, Nigel de Jong, Romeo Castelen – dazu auch noch die Trainer: erst Huub Stevens, jetzt Martin Jol. Eine Zeitung dichtete das Kürzel HSV daraufhin schon mal spöttisch um in „Holländischer SV“. Dass die Spieler das Land der Wohnwagenbesitzer hinter sich ließen, entsprang einer Art Kettenreaktion. Mund-zu-Mund-Propaganda, von Holland-Profi zu Holland-Profi, mal per Mobiltelefon, mal per Vier-Augen-Gespräch beim Treffen der Nationalmannschaft, unterstützte die HSV-Verantwortlichen wesentlich bei den Transferbemühungen. Dass an Boulahrouz, Mathijsen und de Jong der gleiche Spielerberater, nämlich Roger Linse, sein Auskommen hat, wirkte auch durchaus hilfreich.

Manchmal müssen die Vereine freilich auch ungewöhnliche Methoden anwenden, um an Spieler aus „ihren“ bevorzugten Gebieten heranzukommen. So deckte die „Lausitzer Rundschau“ unlängst auf, dass Bojan Prasnikar, der Trainer von Energie Cottbus, keineswegs über Ostern einen kurzen Heimaturlaub in Serbien angetreten hatte. So war es zwar offiziell von Vereinsseite verkündet worden, aber in Wirklichkeit war Prasnikar in geheimer Mission unterwegs. Er überzeugte sich vor Ort von den Qualitäten des bei FK Vojvodina Novi Sad spielenden Savo Pavicevic. Der montenegrinische Nationalspieler steht nun bei den Lausitzern im Kader, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2011.

Für den inzwischen in seine holländische Heimat zurückgekehrten HSV-Trainer Huub Stevens stellen sich indes Fragen nach der Herkunft der Spieler überhaupt nicht. „Wer beim HSV spielt, ist Hamburger“, stellte Stevens über alle Nationalitätenfragen hinweg fest.

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