Transfermarkt : Hertha verhandelt sich

Der tschechische Mittelfeldspieler Rudolf Skacel kam auf abenteuerliche Weise zum Bundesligisten Hertha BSC Berlin. Der Ablauf des Transfers Skacels vom FC Southampton erzählt auch viel über seinen neuen Verein.

Sven Goldmann
Skacel
Nach vielen Stationen wurde Rudolf Skacel (r.) nach Berlin gelotst. -Foto: dpa

BerlinRudolf Skacel hat in Prag gespielt, in Marseille, in Athen, Edinburgh und zuletzt in Southampton, seit drei Wochen verdingt sich der tschechische Nationalspieler in Berlin. Nichts Besonderes in Zeiten, da Fußballprofis als moderne Söldner gelten. Aber von dem Wechsel zu Hertha BSC wird er wohl noch seinen Enkelkindern erzählen. „An diesem Transfer war alles verrückt“, sagt Skacel.

Dabei kennt er gerade die Hälfte der Geschichte.

Sie begann mit dem Wunsch des Brasilianers Gilberto, von Hertha zu Tottenham Hotspur zu wechseln. Als Ersatz für die linke Seite hatten die Berliner zwei Kandidaten ausgeguckt, Vlad Munteanu und Jacek Krzynowek aus Wolfsburg. Beide sagten ab, der letzte am Vormittag des 30. Januars – 24 Stunden, bevor die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ihre Transferliste schloss. Munteanu ging nach Auxerre, und im Fall Krzynowek sagte Wolfsburgs Manager Felix Magath, sein Berliner Kollege Dieter Hoeneß habe ihn zuletzt nicht mehr angerufen. Das wird in Berlin dementiert. Kein Wunder, denn Hoeneß musste großes Interesse an einer rechtzeitigen Abwicklung der Transfergeschäfte haben. Schließlich hatte er den alles entscheidenden 31. Januar längst für einen Vortrag in der Schweiz verplant.

Nach der Absage aus Wolfsburg brachte Herthas Lizenzspielerchef Michael Preetz den Tschechen Skacel ins Gespräch. Der war beim FC Southampton unglücklich, weil er in der zweiten englischen Liga keine Perspektive sah, den Sprung ins tschechische EM-Aufgebot zu schaffen. Southampton aber mochte ihn nicht gehen lassen. Der 28 Jahre alte Skacel war Publikumsliebling. Für ihn hatten die Fans den Kaiserchiefs-Song „Ruby, Ruby, Ruby“ umgedichtet in „Rudi, Rudi, Rudi“.

Am Vorabend von Hoeneß’ Reise in die Schweiz spitzten sich die Dinge zu. Spät in der Nacht erklärte Tottenham die Verhandlungen mit Gilberto überraschend für gescheitert. Damit hätte Hertha den Brasilianer zurücknehmen und auf den Kauf eines neuen Spielers verzichten müssen. Passend dazu signalisierte der FC Southampton am Donnerstagvormittag seine Bereitschaft, Skacel nun doch nach Berlin auszuleihen. Preetz antwortete, Herthas Interesse habe sich erübrigt.

Es sollte nicht das letzte Wort sein.

Gegen halb zwölf meldete Hoeneß aus der Schweiz, Tottenham und Gilberto hätten sich doch noch geeinigt. Hertha blieb eine halbe Stunde, Southampton über die erneute Kehrtwendung zu informieren, Skacel auf die Transferliste zu setzen und Gilberto an Tottenham zu verkaufen.

Es war ein Rennen gegen die Zeit, und Hertha hätte es um ein Haar verloren. Um 12 Uhr mussten die Unterlagen bei der DFL in Frankfurt eintreffen, doch dort war das Faxgerät im Dauereinsatz, weil nicht nur Hertha seine Last-Minute- Transfers abwickelte. Als alle Unterlagen übermittelt waren, wies das Protokoll als Empfangszeit 12:00 Uhr aus. Damit stand Skacel auf der Transferliste, und Hertha blieben weitere zwölf Stunden, das Geschäft zum Abschluss zu bringen.

Es folgte der skurrile Teil: eine Pressekonferenz mit dem per Mobiltelefon dazugeschalteten Dieter Hoeneß, der gerade seinen Vortrag in der Schweiz hinter sich gebracht hatte. Hoeneß sprach von „laufenden Verhandlungen“, über die er leider nichts sagen könne, um deren Erfolg nicht zu gefährden. Mit keinem Wort erwähnte er, dass er an den laufenden Verhandlungen gar nicht beteiligt war.

Rudolf Skacel saß unterdessen mit seinem Berater auf dem Londoner Flughafen Heathrow, wo wegen schlechter Sicht ein Flug nach dem anderen abgesagt wurde. Mit dem Taxi fuhr er zwei Stunden lang zum Flughafen Stanstead, wo er einen der wenigen Flüge erwischte, der London an diesem 31. Januar in Richtung Berlin verließ. Herthas Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher nahm den Gesundheitscheck vor. Am späten Donnerstagabend meldete Hertha Vollzug, und kurz vor der Vertragsunterschrift war auch Dieter Hoeneß aus der Schweiz in die Geschäftsstelle am Olympiastadion zurückgekehrt.

Bei Herthas 0:3 zum Rückrundenauftakt gegen Frankfurt saß Skacel auf der Tribüne, bei den folgenden Siegen gegen den VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld belebte er mit Geschick die linke Seite. Mit sechs Punkten aus drei Spielen steht Hertha vor ruhigeren Wochen, so dass Dieter Hoeneß sich erst einmal eine Auszeit gönnt, dem Vernehmen nach beim Skifahren. Seine Sekretärin erwartet ihn am Freitag wieder im Büro. „Die Zeiten der One-Man-Show sind vorbei“, hatte Hoeneß vor geraumer Zeit verkündet. Nach hektischen Jahren genießt er das Gefühl, dass es ohne ihn läuft. Den Transfer des Rostockers Marc Stein, der gerade einen Dreijahresvertrag bei Hertha unterschrieb, wickelten Michael Preetz und Herthas Justiziar Jochen Sauer ab.

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