Transfermarkt : "Selbstverliebte Vollidioten brauchen wir nicht“

Bei einem Spielerwechsel weiß man nie so genau: So mancher vermeintliche Topspieler hat sich bei seinem neuen Club als Flop erwiesen. Um keine Reinfälle mehr zu erleben, prüfen viele Bundesligisten die Spieler vorher penibel auf Persönlichkeitsmängel.

Friedhard Teuffel
Ailton
Der Brasilianer Ailton hat in seiner Bundesligakarriere sowohl mit Toren, als auch mit Kapriolen von sich reden gemacht. -Foto: ddp

Berlin - Spielerbeobachtung in Brasilien, Heribert Bruchhagen und Bernd Hölzenbein sitzen auf der Tribüne. Der Sportdirektor und der Chefscout von Eintracht Frankfurt haben viel Lob über einen Stürmer gehört, jetzt muss er sich nur noch gut präsentieren. Doch dann geschieht dies: Nach einem Abstaubertor rennt ihr Kandidat an die Eckfahne und beginnt dort wild zu tanzen. „Das war hochnotpeinlich“, sagt Bruchhagen. Die Entscheidung fiel deshalb nicht schwer: „So einen selbstverliebten Vollidiot brauchen wir nicht.“

Es ist gerade wieder Transferzeit. Alle Bundesligaklubs versuchen sich noch einmal gezielt zu verstärken, und manche Sportdirektoren reden inzwischen genauso viel über den guten Charakter, den ein Spieler mitbringen müsse, wie über seine Schusstechnik. Fast alle Vereine haben schließlich schon ihre Erfahrungen gemacht mit Spielern, die ihnen auf der Nase herumgetanzt sind. Die Fußball nicht als Mannschaftssport verstehen. Wie zuletzt der MSV Duisburg mit Ailton. Der brasilianische Stürmer sollte dem Aufsteiger Glanz und Punkte bringen. Doch jetzt ist Duisburg Letzter, Ailton hat nur ein Tor erzielt und erschien auch nicht zum Trainingsauftakt in der Rückrunde. „Ailton wurde uns vor der Saison auch angeboten“, sagt Christian Heidel, Manager des 1. FSV Mainz 05, „aber da haben wir nicht lange drüber nachgedacht.“

Insgesamt scheinen sich die Klubs jedenfalls viel mehr Gedanken zu machen über die persönlichen Eigenschaften ihrer künftigen Angestellten. „Vor zehn Jahren haben wir noch Spieler an der Autobahnraststätte verpflichtet“, sagt Heidel. Inzwischen geht dem Vertragsabschluss ein kleines Bewerbungsverfahren mit Charaktertest voraus. Borussia Dortmund beschäftigt sich bei wichtigen Transfers intensiver mit dem Umfeld des Spielers. So war es etwa, als der Klub vor eineinhalb Jahren den Brasilianer Tinga aus Porto Alegre verpflichtete. Es ging um eine Ablösesumme von 2,9 Millionen Euro. „Da haben wir uns auch mit seiner Familie getroffen“, sagt Borussias Sportdirektor Michael Zorc. Ansonsten achtet er auf bestimmte Eigenschaften im persönlichen Gespräch: „Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Benehmen.“

Der Informationsweg beginnt bei den meisten Klubs damit, sich bei den ehemaligen Klubs und ihren Trainern nach dem Spieler zu erkundigen. Nicht immer wollen sich die Vereine jedoch auf Urteile aus zweiter Hand verlassen. Sonst wäre beispielsweise Albert Streit nie vom 1. FC Köln nach Frankfurt gewechselt. „Wir hatten immer nur gehört, dass er ein schwieriger Spieler ist“, sagt Bruchhagen. Oder der Ukrainer Andrej Woronin von Borussia Mönchengladbach nach Mainz. „Alle haben beim Namen Woronin nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Er galt als hoffnungsloser Fall. Dann haben wir ihn drei Tage zu uns eingeladen und waren absolut überzeugt von ihm“, berichtet Manager Heidel. Von 2000 bis 2003 schoss Woronin 75 Tore für die Mainzer.

Das persönliche Gespräch ist Klubs wie Mainz 05 inzwischen das wichtigste. Erst redet der Trainer Jürgen Klopp zwei bis drei Stunden mit dem Spieler, dann der Manager. Im Idealfall kommt auch die Familie des Spielers mit nach Mainz. Heidel sagt: „Wenn ein Zweitligaspieler schon über die Nationalmannschaft spricht, dann stimmt etwas nicht.“ Mit ihrem Verfahren glauben die Mainzer gute Erfahrungen gemacht zu haben, denn Heidel sagt: „Seit fünf Jahren haben wir eigentlich nicht mehr daneben gelegen.“

Auch in dieser Rückrunde hat sich der Zweitligist wieder über das Hörensagen hinweggesetzt und den ghanaischen Stürmer Isaac Boakye vom VfL Wolfsburg verpflichtet. Wolfsburger Journalisten hatten berichtet, Boakye spreche weder Deutsch noch Englisch und bringe sich auch sonst nicht ein. Der persönliche Eindruck der Mainzer war ein anderer. Heidel: „Der versteht wirklich alles und kann sich auf Englisch auch klar verständigen.“

An den Sprachkenntnissen sind schon viele gescheitert. Heribert Bruchhagen reicht manchmal schon die Körpersprache als Ausschlusskriterium. „Die sagt viel über einen Spieler aus. Man muss sich nur anschauen, wie sich Gerd Müller noch über Tore gefreut hat und wie das heute viele Spieler tun.“ Wenn Klubs über den richtigen Charakter eines Spielers sprechen, meinen sie jedoch nicht, dass er ein durch und durch anständiger Kerl sein müsse. Es geht ihnen vielmehr darum, dass er sich zum richtigen Zeitpunkt rücksichtsvoll verhält und zum richtigen Zeitpunkt eigensinnig. „Mit lauter Messdienern bekommst du keine Individualität auf dem Platz. Die aber braucht man, um Spiele zu gewinnen“, sagt Bruchhagen.

Mit ihren persönlichen Gesprächen, ihren Beobachtungen, ihrer Menschenkenntnis können die Vereine das Risiko, danebenzuliegen jedoch allenfalls veringern. Bruchhagen sagt: „Es kann uns genauso gut wieder passieren, dass wir ungewollt ein Arschloch verpflichten.“

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