Sport : Trauer am Skihang

Wenige Wochen nach dem Seilbahnunglück beginnt in Sölden die alpine Saison mit einer Gedenkminute

Jeannette Krauth

Berlin - Um genau 9.29 Uhr heute früh werden die Lichter im Gletscherstadion Sölden erlöschen. Die Musik, ein Après-Ski-Hit wahrscheinlich, wird abgestellt. Der Moderator wird das Mikrofon ausschalten. Der Ski-Weltcup in Sölden wird mit einer Gedenkminute an die Opfer des Seilbahnunglücks am fünften September eröffnet. Zwanzig Kinder vom Skiclub Sölden werden die Piste herabfahren. Zum Gedenken an die sechs Kinder, die mit der Gondel herabgerissen wurden, als ein Hubschrauber einen Betontrog verlor. Erst danach werden die Stars zum Saisonauftakt auf der Piste stehen: Martina Ertl-Renz, Maria Riesch.

Hundertfünfzig Meter entfernt, parallel zur Rennpiste, da wird die Unglücksbahn „Schwarze Schneid II“ laufen. Eine Einseilbahn, erste Fuhre morgens 8 Uhr, letzte 16 Uhr, acht Personen pro Gondel, 3250 Meter zieht sie die Skitouristen den Berg hinauf. Man hätte einen wunderbaren Blick auf die Rennpiste, von dort oben, sagt Hansjörg Posch, Prokurist der Bergbahnen Sölden und Mitglied des Weltcup-Organisationskomitees. Die 75 Prozent Steigung könne man nur von dort sehen. Ein Stück höher am Berg als die Tribünen an der Rennpiste stehen neun Holzkreuze. In sechs von ihnen ist nur der Vorname eingetragen: Nadine, Yvonne, Nils, Samuel, Kim, Verena. Es sind die verunglückten Kinder.

Es war ein Freitag, der 16. September, ein sonnenheller Tag, zum ersten Mal fuhr die Seilbahn wieder, die Berge waren noch grün, an dem Franz Fiegl diese Kreuze in den Boden geschlagen hat. Elf Tage zuvor war der Bergrettungsmann an der Unfallstelle. Als er mit dem Jeep den Berg hochfährt, die Stelle wieder aufsucht, da kommen sie hoch, diese Bilder: Helme, Skier, Stöcke, Kleidung durcheinander, die leblosen Körper. „Schlachtfeldbilder“ sagt Franz Fiegl. Seine Stimme ist leise, er sucht Worte. Es ist noch so präsent. Es sei so ein schönes Fleckerl, diese Unglücksstelle, still, mit kleinem Bachlauf. Und er habe immer daran denken müssen, was diese Kinder noch vor sich gehabt hätten. Sonnabend früh wird Fiegl mit Steigeisen an den Füßen an der Rennstrecke stehen, den Notarzt auf die Piste bringen, falls ein Fahrer stürzt. Er ist bei der Steilhangsicherung, steht an einem der Tore beim Riesenslalom. Privat wäre er nicht zum Weltcup gegangen, sagt er, „gefühlsmäßig geht das eigentlich noch nicht“.

Dass dieser Weltcup stattfindet, das „haben wir erst nicht gewollt“, sagt Carmen Fender vom Tourismusverband Sölden. Wir, das sei Sölden, das seien die 3000 Gemeindemitglieder, deren Leben der Berg, das Skifahren, der Weltcup sei, die mit dem Herz dabei seien, beim Weltcup und auch bei dem tragischen Unglück. Sölden trauert. Man spüre es im ganzen Dorf, sagt Hansjörg Posch von den Bergbahnen Sölden. In den Wirtshäusern, im Büro, bei den Helfern im Stadion. Jeder würde seinen Job machen, aber eine Euphorie und Begeisterung der Helfer wie in den Vorjahren, die sei nicht zu spüren. „Wir leben in den Bergen, wir leben mit den Bergen, und so auch mit den Unglücken, die hier passieren“, sagt Posch, „aber so ein Ausmaß, das erschreckt.“ Großes Mitgefühl, das sei die Emotion, die den Ort bestimmt. Bei jeder der Beerdigungen der Kinder vom Skiclub Bezirkskreis Schwarzwald waren Söldener dabei. Da hätten die Eltern und Angehörigen gesagt, sie sollten unbedingt weitermachen. „Das war der Lieblingssport der Verunglückten, ihr müsst den Weltcup machen“, hätten sie gesagt. Die Trauer wird für die auswärtigen Zuschauer, Servicekräfte und Sportler nicht so zu bemerken sein, vermutet Bergretter Franz Fiegl. Ganz unberührt lässt es die Sportler aber nicht: Es sei ihr im Training schwer gefallen, mit der Situation umzugehen, sagte Martina Ertl-Renz der Deutschen Presse-Agentur. Im Wettkampf (9.30 Uhr, live in der ARD) dürfe das aber nicht im Vordergrund stehen, da müsse sie sich auf das Rennen konzentrieren.

Hansjörg Posch hat einen Wunsch: schöne Rennen, unfallfreie Tage – weil es weitergehen muss. Und, dass ein deutscher Sportler seine Medaille den Verunglückten widmet.

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