Sport : Trauer um einen Trauernden

Alexander Oens Tod erschüttert Norwegen, weil der Weltmeister die Herzen der Menschen erreichte.

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Berlin - Diese Augen. Dieser wache Blick. Die schmale Nase. Dieses Lächeln, nicht zu demonstrativ, nicht zu breit, einfach nur sympathisch. Die Goldmedaille unter diesem Gesicht, zu den Kameras gehalten von langen, schmalen Fingern. Dieses Bild genügte, um die ganze Trauer auszudrücken. Viele norwegische Zeitungen hatten gestern nur dieses Bild von Alexander Dale Oen auf dem Titelblatt. Das Bild von Schwimm-Weltmeister Oen. Dem Mann, der am Dienstag an Herzversagen gestorben ist, mit gerade mal 26 Jahren, zusammengebrochen nach dem Training. Norwegen ist erschüttert. In Öygarden, dem kleinen Ort auf der Insel vor Bergen, versammelten sich am Dienstag spontan die Leute in der Kirche. In Öygarden ist Oen aufgewachsen.

Örjan Madsen hatte die Nachricht erhalten, als er gerade eine Ski-Tour unternahm, irgendwo in Norwegen. Madsen „war geschockt“. Aber einer wie Madsen kann sehr gut erklären, warum Oens Tod ein Land lähmt. Madsen war Berater des norwegischen Schwimmverbands von 2000 bis 2005, er kennt Oen, seitdem der in die Nationalmannschaft gekommen ist. „Alexander Oen war der populärste Sportler in Norwegen“, sagt Madsen. „Er war der erste Weltmeister, den Norwegen in einer Sommer-Weltsportart hatte, und der erste Medaillengewinner im Schwimmen bei Olympia.“ Oen hatte 2008 Silber über 100 Meter Brust gewonnen, 2011 dann den WM-Titel. „Und er ist bodenständig geblieben und hat sich immer für andere Menschen interessiert“, sagt Madsen.

Oens Worte nach dem WM-Sieg wurden zur Ansprache an eine traumatisierte Nation. Drei Tage zuvor hatte der Rechtsradikale Anders Breivik 77 Menschen erschossen. Oen, die Medaille um den Hals, redete nur von dem Attentat, er widmete den Sieg den Hinterbliebenen. Er gab den Menschen Halt im Schmerz. „Das war schon sehr beeindruckend“, sagt Madsen.

Ein paar Monate später haben norwegische Sportler, Journalisten und Funktionäre den Weltmeister zu „Norwegens Sportler des Jahres 2011“ gewählt. Zum ersten Mal wurde in der Wintersport-Nation Norwegen ein Sommersportler mit dieser Auszeichnung geehrt. Durch Oen ist „Schwimmen in Norwegen extrem populär geworden“, sagt Madsen, der fast vier Jahre lang auch Cheftrainer des deutschen Schwimmverbands war.

Aber Oen blieb immer der Star mit Bodenhaftung, der stolz auf seinen kleinen Heimatort war. Bis er 16 war, übte er im 25-Meter-Becken von Öygarden. Erst dann wechselte er nach Bergen, eine Fahrstunde entfernt. Auch dort gibt es nur eine 25-Meter-Bahn. Training in einer Kurzbahn? Für den größten Teil der internationalen Konkurrenz eine absurde Vorstellung. Oen trainierte dort bis zu seinem tragischen Tod. Nur bei Trainingslagern pflügte er durch 50-Meter-Becken. „Wenn man das 25-Meter-Becken nicht als Problem sieht, ist es auch kein Problem“, sagt Madsen. Oen sah es nie als Problem, er war psychisch sehr stabil, das ist einer der Gründe für seinen rasanten Aufstieg. Ein anderer war sein extremer Trainingsfleiß. „Es gab im norwegischen Sport nur wenige Athleten, die härter trainierten als er“, sagt Madsen.

Aber Oen war auch begeisterter Fotograf, konnte ausgezeichnet surfen, er war viel auf Skiern unterwegs. Eine Ski-Tour zum Südpol nach der Karriere war fest eingeplant. Die Karriere selber finanzierten ihm Sponsoren, erst lokale, später, nach Olympia-Silber und erst recht nach dem WM-Titel, immer mehr große Geldgeber.

Zuletzt hatte ihn eine Nervenentzündung unter einem Schulterblatt zu einer mehrwöchigen Pause gezwungen, erst vor einem Monat, im Trainingslager in Flaggstaff, USA, war er wieder ins Training eingestiegen. In der vergangenen Woche spulte er im Wasser schon wieder 60 Kilometer ab. Eine zu hohe Belastung? War das der Grund für den Herzschlag? Der Arzt des norwegischen Schwimmverbands dementierte entschieden. Oen sei absolut gesund gewesen.

In Bergen wird gerade eine neue Schwimmhalle gebaut, eine mit 50-Meter-Becken. Einweihungstermin: Ende 2013. In Norwegen gibt es seit Dienstag viele Stimmen, die sagen, für den Bau komme nur ein Name in Frage: „Alexander Dale Oen“-Halle.

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