Trauer um Fußballstar : Socrates und der Wunsch, Brasilianer zu werden

Socrates, der ehemalige Spielmacher der brasilianischen Nationalmannschaft, ist mit 57 Jahren gestorben. Die Trauer über seinen Tod ist auch in Deutschland groß. Doch ist sie echt?

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In den Achtziger Jahren war Fußball noch Kunst die Gegenspieler auf dem Platz vor Socrates und den Brasilianern verneigten.
In den Achtziger Jahren war Fußball noch Kunst die Gegenspieler auf dem Platz vor Socrates und den Brasilianern verneigten.Foto: Reuters

"Kein Spieler gibt den Fußball auf", sagte Socrates nach dem Ende seiner Karriere. "Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet." Es spricht so viel aus diesen Sätzen, dass es weh tut. So viel, was wir hier, im deutschen Dezemberregen, durch einen Ozean von Brasilien getrennt, gar nicht verstehen können.

Am Sonntag ist Socrates im Alter von 57 Jahren gestorben. Und man schämt sich ein bisschen, weil man nicht so recht weiß, worüber man eigentlich trauert. Darüber, dass einer tot ist, über dessen Panini-Bildchen man sich 1986 besonders freute? Der so anders aussah als die anderen, mit seinem Vollbart und dem weißen Stirnband? So... rebellisch? Einer, der nie Weltmeister wurde und doch zu den Größten zählt?

Vollendet unvollendet – wie geht das überhaupt? Warum lieben seine Landsleute diesen Socrates wie kaum einen Fußballer sonst?

Wer mit Ergebnisfußball, Turniermannschaften und der Null, die stehen muss, aufgewachsen ist, dem muss das ein ewiges Rätsel bleiben. Trotzdem sind die Autoren der Nachrufe auch hierzulande so fasziniert von Socrates' Scheitern, dass man glauben könnte, sie sehnten sich nach einer Niederlage. Das nächste Ausscheiden einer deutschen Nationalmannschaft bei einem großen Turnier wird naturgemäß das Gegenteil beweisen. 

Trauert man also darüber, dass der Letzte von uns gegangen ist, der einem noch hätte erklären können, dass es im Fußball nicht nur aufs Ergebnis ankommt? Oh, Socrates.

Der Fußball war für Socrates ein Wesen an sich

"Kein Spieler gibt den Fußball auf", sagte er also. "Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet." Es spricht aus diesen Sätzen, dass der Fußball seinen eigenen Willen hat. Dass er imstande ist, jemandem die Gunst zu erwiesen und sie ihm wieder zu entziehen. Dass er gar keine Sache ist, die erst von den Menschen zum Leben erweckt wird, sondern ein Wesen an sich. Eine Geliebte, störrisch und eigen. Und dass dieser Socrates – lang, schrecklich lang ist es schon her – mit ihr tanzen durfte.
Ja, er tanzte wirklich mit ihr. Ein Triumphator des Augenblicks, ein Sieger, solang die Musik spielte. Zu einer Zeit, als bei uns die Kraftmeier den Fußball einfach nur aus der Dorfdisco ins Taxi nach Hause zerrten. 

Der letzte Walzer klang 1989 aus, der Fußball wandte sich von Socrates ab, nach 456 Spielen und 229 Toren. Zweimal hatte er versucht, mit Brasilien Weltmeister zu werden, zweimal war er daran gescheitert.

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