Sport : Trauern und pöbeln

Liverpool, Juventus und die Heysel-Katastrophe

Raphael Honigstein

Liverpool - Michel Platini sah eine Spur zu vergnügt aus, als er neben Ian Rush und Phil Neal eine Gedenktafel für die Opfer der Brüsseler Fußball-Katastrophe entgegennahm. Alle drei standen sie vor 20 Jahren im Finale um den Europapokal der Landesmeister: Neil und Rush im Trikot des FC Liverpool, Platini erzielte das 1:0-Siegtor für Juventus Turin in einem Spiel, das besser nie angepfiffen worden wäre. Zuvor nämlich hatten englische Hooligans gewütet. 39 Tote verzeichnete der Abend im Heysel-Stadion.

Platini hatte am Dienstag bestimmt nicht die „Times“ gelesen. In einer achtseitigen Beilage hatte ihm das seriöse Blatt nachgewiesen, dass seine politisch korrekten Aussagen von heute – „Ich wusste nicht, dass es auch nur einen Toten gegeben hatte“ – im krassen Widerspruch zu einem am Tag nach dem unglückseligen Finale gegebenen TV-Interview stehen. „Wir wussten es. Wir wussten, 35 oder 37 Leute sind tot“, hatte der Juventus-Spielmacher damals gesagt, „aber wir mussten spielen. Wir taten es für unsere Fans.“ Mit der Vergangenheit ist es so wie mit den Haaren auf dem Kopf, wenn sie etwas spärlicher werden: Man legt sie sich so hin, dass man sich keine Blöße gibt.

Meister der Verdrängung waren in den vergangenen 20 Jahren auch die meisten Liverpooler Fans. Mal wurde das baufällige Stadien, mal das fehlerhafte Sicherheitskonzept der belgischen Polizei kritisiert, nur selten das eigene Verhalten. Am Dienstag übernahmen die Liverpooler nun erstmals kollektive Verantwortung für das Desaster. Die Lokalzeitung „Liverpool Echo“ druckte die Namen der Toten von Heysel auf die Titelseite und schrieb „We’re sorry“ darüber. Auch im Stadion bemühten sich die Fans, mit Armbändern und Plakaten des eigenen Fehlverhaltens zu gedenken. Trauer und der Stolz, über den eigenen Schatten gesprungen zu sein, vermischten sich in Anfield zu einer eigenartigen Atmosphäre.

Wie schwer es den Liverpoolern fiel, mit diesen ungewohnten Emotionen umzugehen, zeigte sich, als der Schiedsrichter anpfiff: 40 000 rote Kehlen brüllten befreit los. Etwa 100 der mitgereisten Juve-Fans hatte zu dem Zeitpunkt aber schon die Schlagzeilen gestohlen. Sie hatten der Gedenkfeier kollektiv den Rücken zugedreht, den Liverpooler „Amicizia“-Plakaten den Mittelfinger entgegengereckt und sogar während der Gedenkminute für den verstorbenen Papst gepöbelt. „Hirnlose Vollidioten“, befand der Korrespondent der „Gazzetta dello Sport“.

Ja, gespielt worden ist auch noch. Und das gar nicht so schlecht. Liverpool fiel mit einfachen Mitteln über die erschreckend unkonzentrierten Turiner in den ersten 30 Minuten regelrecht her und erzielte durch Hyypiä und Luis Garcia zwei wunderbare Tore. Juventus erwachte erst nach dem 0:2 aus seiner Apathie. Erst rettete der Pfosten gegen Ibrahimovic, dann Scott Carson mit einer glänzenden Parade gegen Del Piero.

Der Liverpooler Torwart wurde in der zweiten Hälfte zum tragischen Mann auf dem Platz. Aus unbegreiflichen Gründen ließ er einen harmlosen Kopfball von Cannavaro passieren. Nur 1:2 verloren, das war fast schon ein Sieg für die schwarz-weißen Minimalisten, die ja diese Saison schon fünf Mal 1:0 in der Champions League gewonnen haben. Dieses Resultat reicht ihnen nun auch im Rückspiel im Stadio delle Alpi. „Ein Resultat, das viele Möglichkeiten lässt“, knurrte Juves Trainer Fabio Capello. Dem Mann hatten die vielen Feierlichkeiten augenscheinlich nicht so recht in den Kram gepasst.

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