Sport : Traum oder Trauma

Michael Rosentritt

Irgendwann einmal, wahrscheinlich nach dem 34. und letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga, werden sie bei Hertha BSC darauf verweisen, dass sie in der abgelaufenen Saison auch mal Tabellenführer waren. Bis auf die härtesten Herthaner wird sich vermutlich niemand mehr daran erinnern können, dass die Berliner tatsächlich mal ganz oben standen. Äh, im September 2006? Ja, es war nach dem vierten Spieltag. Aber was heißt das schon? Schon bei der ersten Gelegenheit, am fünften Spieltag, wurden die Berliner von der Spitze runtergeholt. Muss man das wissen?

Natürlich nicht. Nur Hertha sollte sich darüber kräftig ärgern. (Mal unabhängig davon, dass Mainz durchaus schlagbar ist, wie es kürzlich der Regionalligist Saarbrücken bewies). Der Verein hat damit eine gute Möglichkeit ausgelassen, sich über Berlin und einigen Teilen Brandenburgs hinaus etwas nachhaltiger in Erinnerung zu bringen. Dass Hertha im großen Rest der Republik nicht funktioniert, ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Das schlimmere Problem ist, dass der Verein in Berlin nicht richtig zieht.

Seit Jahren kommt die Hälfte der Stadionbesucher aus dem Umland. Und so viele Zuschauer sind es ja nun wirklich nicht, gemessen an der Bevölkerungszahl. Aus unerfindlichen Gründen sucht Hertha hierfür die Gründe außerhalb des Vereins. Der Berliner empfindet Hertha nun mal nicht als Sympathiebombe.

Berlin ist arm, aber sexy – so erklärte der Regierende Bürgermeister Wowereit mal Schülern die Probleme Berlins. Hertha hat auch hohe Schulden, ist aber für viele nicht sexy, ja nicht mal sympathisch. Was der Berliner aber honorieren würde, ist Erfolg. Zum Beispiel eine Tabellenführung. Die ist nun futsch, und damit verliert Hertha für viele wieder an Charme beziehungsweise Attraktivität.

Manager Hoeneß hatte sich unter der Woche an die Menschen der Stadt gerichtet. Sie dürften ruhig vom Titel träumen, hat er gesagt. Aber was passiert, wenn man jäh aus seinen Träumen gerissen wird, hat jeder schon einmal erlebt.

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