Sport : Traumhaft verzweifelt

Barcelona begeistert beim 2:2 gegen Chelsea – und fürchtet das Aus

Steffen Hudemann[Barcelona]

Als der italienische Schiedsrichter Stefano Farina nach genau 95 Minuten und 13 Sekunden eines atemberaubenden Spiels das letzte Mal in seine Pfeife blies, hätte es einen nicht verwundert, wenn umgehend die Masseure herbeigelaufen wären und die Muskeln der Akteure gelockert hätten – für eine bevorstehende Verlängerung. Dieses Spiel fühlte sich nach Finale an, tatsächlich aber war es nur ein Gruppenspiel. Und so blieb der 2:2-Ausgleich durch Chelseas Stürmer Didier Drogba in der dritten Minute der Nachspielzeit der Schlusspunkt, nachdem zuvor Deco und Eidur Gudjohnsen für Barcelona getroffen hatten und Frank Lampard für Chelsea das Tor des Jahres erzielte – aus einem Winkel, der nicht spitz, sondern nicht vorhanden war.

Sieger und Verlierer waren dennoch klar auszumachen. Während die Gäste sich zu einem Jubelkreis zusammenfanden, stürmte Barcelonas Trainer Frank Rijkaard wütend auf den Unparteiischen zu. Kapitän Carles Puyol verhinderte, dass der Ausraster seines Trainers schlimmere Folgen hatte als böse Blicke der UefaBeauftragten. „Ich wollte dem Schiedsrichter für seinen Beitrag zu diesem Spiel danken“, spottete Rijkaard. Wobei der Beitrag aus seiner Sicht in einer in der Tat konfusen Spielleitung mit zehn Gelben Karten bestand, aber schlimmer noch, in einer viel zu langen Nachspielzeit.

Drogbas später Treffer hat Barcelona zu Allerheiligen in eine Depression gestürzt. Dabei schien es, als hätte Rijkaard endlich zu einem neuen Meistersystem gefunden. Der Trainer bot ein klassisches 4-3-3 holländischer Prägung auf. Der formschwache Ronaldinho, der vergangenes Jahr noch überall und nirgends zaubern durfte, erlebte seine Degradierung zum stinknormalen Linksaußen. Auch am Dienstag verstolperte er Bälle, die man keinem Spieler des VfL Bochum verzeihen würde, dann aber hatte er einen genialen Moment, als er das 2:1 durch Gudjohnsen vorbereitete. Der Isländer kann die Eleganz des verletzten Eto’o nicht erreichen, aber er gibt einen vorzüglichen Mittelstürmer, bedient von Ronaldinho, vom genialen Rechtsaußen Messi oder aus dem Mittelfeld von Deco.

Chelseas Abwehr sah diesem Sturmwirbel staunend zu. Und dennoch war Barcelona am Ende der große Verlierer. Denn egal wie traumhaft Barcelona kombinierte, Chelsea blieb ruhig – und gefährlich. „Sehr gut organisiert“ sei der Gegner gewesen, lobte Rijkaard. Titelverteidiger Barcelona ist in der Gruppe A nur noch Dritter, hinter den bereits fürs Achtelfinale qualifizierten Londonern und auch zwei Punkte hinter „el rival alemán“, dem deutschen Rivalen, wie Werder Bremen in der spanischen Presse inzwischen genannt wird. Dass die Bremer Barcelona tatsächlich auf den dritten Platz verdrängen könnten, schien den Fans erstmals in der Halbzeit bewusst zu werden. Auf der Videotafel erschien die 3:0-Führung Werders in Sofia, und durchs Publikum ging ein Ausruf des Staunens. Diese Bremer, so die Erkenntnis, sind ein ernst zu nehmender Konkurrent.

Und so erklangen bei Barca zwischen schwärmerischer Rekapitulation und Ärger über den Schiedsrichter leise Töne des Zweifels. „Wir haben noch zwei Spiele, eines auswärts, eines zu Hause, da ist noch alles möglich“, sagte Edmilson. Und Deco erkannte: „Wir brauchen jetzt unbedingt einen Sieg in Sofia, dann geht es im letzten Spiel gegen Bremen um Leben und Tod.“ Angenommen Werder gelingt im Heimspiel gegen Chelsea ein Sieg, dann benötigt Barcelona sechs Punkte fürs Weiterkommen. Ein Ausgleich kurz vor Schluss wie am Dienstag wäre der Absturz in den Uefa-Cup. „Més que un Club“, mehr als nur ein Klub, steht auf die Sitze der Gegentribüne des Camp Nou geschrieben. Im Selbstverständnis der Katalanen ist Barca nicht nur der größte, sondern auch der beste Klub der Welt. „Hier ist nichts normal“, sagte Verteidiger Juliano Beletti kürzlich. „Wenn Barca zweimal verliert, geht hier die Welt unter.“ Man möchte sich nicht ausmalen, was passiert, wenn der FC Barcelona in der Vorrunde der Champions League ausscheiden sollte.

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