Sport : Traurige Figuren im Werbefilm

Der HSV macht mit Leidenschaft Reklame für den Uefa-Cup – und scheidet aus

Frank Heike[Hamburg]

Monatelang war der Uefa-Pokal eine kleine Nummer. Niemanden außerhalb von Hamburg interessierte wirklich, wie der Hamburger SV donnerstags zu unmöglichen Zeiten in Bergen spielte oder in Zagreb. Die Gruppenphase schaffte Terminstress, und viel Geld kann man auch nicht verdienen im Schatten des Hochglanzproduktes Champions League. Und doch hatten die Hamburger den Uefa-Pokal irgendwann lieb gewonnen. Sie spielten gut, gewannen fast immer: hier war man wer. Erst über die exotische Sommerspielrunde namens UI-Cup qualifiziert, wollten sie ganz weit kommen. Doch jetzt heißt es Abschied nehmen. Und das tat richtig weh.

Versteinert waren die Gesichter bei den Vorständen Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann, nachdem der HSV trotz des packenden 3:2 gegen Leverkusen am Mittwochabend ausgeschieden war – das 0:1 aus dem Hinspiel war eine zu wacklige Basis für den erhofften Einzug ins Viertelfinale. Beiersdorfer haderte mit dem spanischen Schiedsrichter, Hoffmann schien darüber nachzudenken, dass auch der zweite mögliche Titel nun futsch ist: die Meisterschaft hat er nie für möglich gehalten, wohl aber den DFB-Pokalsieg (verschenkt durch die Niederlage in Wolfsburg) oder eben den Triumph im Uefa-Pokal. Die Realität im Hamburger Dauerregen hieß: zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird.

Nur Trainer Huub Stevens hatte weniger den Moment als den ganzen weiten Weg des HSV von Chisinau im Juni 2007 bis Leverkusen im März 2008 im Kopf, als er sagte: „Ich muss den Spielern ein großes Lob machen. Es ist eine tolle Leistung, wie weit wir mit dieser Mannschaft international gekommen sind.“ Stevens beurteilt die Gegenwart allein vor dem Hintergrund des Jahres 2007, als der von ihm übernommene HSV von Rang 18 auf Platz drei kletterte. So gesehen ist das Achtelfinale im Uefa-Pokal natürlich eine respektable Bilanz. Zumal das 3:2 ein Sieg voller Leidenschaft gegen am Ende taumelnde Leverkusener war.

Überhaupt warb das Spiel bei Sturm und Regen vor knapp 40 000 Zuschauern mit seiner Dramatik und mit seinem Tempo für die zweite internationale Spielrunde. „Wir sind mit erhobenem Haupt aus dem Uefa-Pokal ausgeschieden“, sagte Beiersdorfer trotzig. Am Ende fehlte bei der Chance von Paolo Guerrero in der 89. Minute auch tatsächlich nicht viel, um das herbeigesehnte 4:2 zu schaffen. Doch Adler hielt.

So blieb nur die Erkenntnis, dass ein beherzterer Hinspiel-Einsatz die Hamburger Ergebnisspieler vor einem solchen Rückspiel bewahrt hätte: ein Gegentor durfte praktisch nicht fallen, verlangte es dem angriffsschwachen HSV doch drei Treffer ab. Es fiel aber, als Sergej Barbarez traf. Trochowski glich später aus, als Gekas aber Leverkusen zwei Minuten später wieder in Führung schoss, verstummten die Fans. Erst jetzt wurde es ein richtiger Europapokal-Abend. Der HSV drückte verzweifelt aufs Tempo, Leverkusen stellte plötzlich das Spielen ein, und tatsächlich sprang erst der Ausgleich durch Guerrero heraus und dann das 3:2 durch van der Vaart. „Wir haben am Ende völlig die Übersicht verloren“, sagte der Leverkusener Trainer Michael Skibbe, „das vierte HSV-Tor lag in der Luft. Doch wir sind mit anderthalb bis zwei blauen Augen davongekommen.“ Allerdings gelang dem HSV in den letzten 14 Minuten inklusive Nachspielzeit bei aller verständlichen Eile kaum ein planvoller Angriff. Das muss man nicht kritisieren, schon aber die vergebenen Chancen zu Beginn der Partie und den Minimaleinsatz vor einer Woche. Nüchtern sagte Stevens: „Wir haben das Weiterkommen in Leverkusen vergeben.“

Die Leverkusener konnten ihr Glück kaum fassen, obwohl sie sich als verdiente Sieger fühlen durften. „Wir haben in diesem Jahr einen großen Schritt nach vorn gemacht. Wer eine so starke Mannschaft wie den HSV ausschaltet, kann sich erlauben, über mehr nachzudenken“, sagte Sergej Barbarez. Dass er selbst als eingebürgerter Hamburger das Aus des HSV mit seinem Tor einleitete, war nach dem spektakulären Spiel kaum noch eine Erwähnung wert. Aus „Respekt vor den HSV-Fans“ verzichtete Barbarez übrigens auf Torjubel. Die hingegen pfiffen auf ihn, als er ausgewechselt wurde.

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