Sport : Traurige Momente

Nach der Niederlage rasten argentinische Spieler aus – Trainer Pekerman kündigt seinen Rücktritt an

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Berlin - José Pekerman sah seltsam verwirrt aus, und mit jedem Wort, das er sprach, rang er um Fassung. Aber eines war ihm besonders wichtig trotz aller Enttäuschung: „Diese Sache nach dem Spiel tut mir wirklich sehr Leid. Das ist nicht unsere Art und nicht unser Stil. Wir haben großen Respekt vor der deutschen Mannschaft.“ Diese Sache, von der Pekerman sprach, war das vielleicht traurigste Symbol für die argentinische Niederlage und zu allem Überfluss zerstörte sie den Mythos, den Pekerman nach dem frühen WM-Aus 2002 aufbauen wollte. Dieser neue Mythos sollte auf zwei starken Säulen stehen: Charakter und Fairness.

Doch in dem Augenblick, als diese beiden Eigenschaften am wichtigsten waren, hatten sie die argentinischen Spieler vergessen oder verdrängt. Schon während des Elfmeterschießens, so berichtete es Torsten Frings hinterher, habe die argentinische Mannschaft unschöne Gesten in Richtung der Deutschen gemacht. Als Jens Lehmann schließlich den Elfmeter des eingewechselten Cambiasso hielt und die Deutschen zum Jubeln ansetzten, bekam Per Mertesacker von Ersatzspieler Leandro Cufre plötzlich einen heftigen Tritt. Teammanager Oliver Bierhoff wollte dazwischengehen, „doch dann sind die Argentinier völlig durchgedreht“, wie Bierhoff es ausdrückte, und tatsächlich hatte man von der Tribüne aus das Gefühl, plötzlich wolle die ganze argentinische Mannschaft eine Schlägerei anzetteln. Torsten Frings war deshalb das neue Argentinien-Bild, das Pekerman aufgebaut hatte, völlig egal. „Das war typisch Argentinier. Die können einfach nicht verlieren. Die haben absolut kein Benehmen.“

An dieser Stelle war es Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der versuchte, die Sache nicht zu hoch zu hängen, schließlich hat er schon oft genug seiner Bewunderung für die „Pekerman-Schule“ Ausdruck verliehen. Klinsmann sagte: „Sie müssen diese Emotionen verstehen, die in allen stecken. Das war nur eine Sache für den Moment.“

Auf jeden Fall war es ein trauriger Moment, weil er das bisherige Auftreten der Südamerikaner konterkarierte. Die argentinische Mannschaft stand bisher für die absolute Kontrolle ihrer Emotionen, und genau so agierte sie auch auf dem Feld. Dieses kühle, aber brillante Spiel der Argentinier verkörperte vor allem Juan Riquelme, Argentiniens Kopf im Mittelfeld. Er ist der Musterschüler Pekermans, ihm hat er wie keinem anderen immer wieder vertraut. Die Auswechslung Riquelmes in der 72. Minute war vielleicht das allererste Anzeichen dafür, dass dieses Spiel noch eine Wende bekommen würde. Zuvor konnte man in mehreren Szenen gut beobachten, wie sehr ihm die deutschen Spieler zugesetzt hatten, vor allem Frings und Ballack. Mehrmals agierte Riquelme im Mittelfeld so langsam, ja blasiert, dass ihm die Deutschen den Ball von hinten einfach abjagten.

Bis auf seine Ecke zum 1:0 durch Ayala gelang Riquelme wenig, zwar holte er sich ungewöhnlich oft die Bälle vom eigenen Strafraum ab und versuchte, aus der Tiefe kommend, den entscheidenden Pass anzubringen, doch die Deutschen standen einfach gut.

Das galt auch für Arne Friedrich, der in seinem Heimatstadion ein anderes entscheidendes Duell gewann: gegen Carlos Tevez. Die rechte Abwehrseite der Deutschen hatten sich die Argentinier als Schwachpunkt ausgeguckt, doch an diesem Tag traf die Analyse nicht zu.

Im gesamten Spiel schoss Tevez dreimal aufs Tor, in der 48., 105. und 117 Minute, und dreimal waren es Schüsse hoch hinauf auf die Tribüne. Tevez machte nicht einmal ein schlechtes Spiel, aber Friedrich verbiss sich wie ein Terrier in den Gegner und ließ einfach keine gute Chance für den quirligen Stürmer zu.

Pekerman ließ Tevez dennoch im Spiel und nahm stattdessen Hernan Crespo heraus, um den 1,90 Meter langen Julio Cruz zu bringen. Das war nicht verkehrt gegen eine kopfballstarke deutsche Abwehr. Verkehrt war auch nicht die Herausnahme des schwächelnden Riquelme. Nur der Versuch, mit Cambiasso einen weiteren Zerstörer zu bringen, um das knappe 1:0 zu halten, war weder klug noch mutig vom argentinischen Trainer.

Der Trainer jedenfalls hatte am Ende selbst seine Gelassenheit verloren. Er fand zwar noch ein paar Sätze des Dankes an die Fans „im Stadion und daheim“. Und eigentlich wollte er seine Gefühle auch lieber nicht beschreiben, aber wer ihn sah, wusste, wie konsterniert er war. Vielleicht war es dieser Moment der Traurigkeit, über die Niederlage oder über die verlorene Fairness nach dem Spiel. Was es auch war, José Pekerman beschloss, noch am Abend zurückzutreten. Sein Fazit: „Das Kapitel ist abgeschlossen.“

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