Sport : Trauriger Jubel

Michael Schumacher siegt in Monza und verkündet seinen Abschied von der Formel 1

Christian Hönicke[Monza]

Es war eine Träne, die die Nachricht um 15.24 Uhr verkündete. Sie lief über Michael Schumachers Gesicht, das er nach seinem Sieg beim Großen Preis von Italien in die offenen Arme seines Teamchefs Jean Todt und die seiner Frau Corinna fallen lassen hatte. Die Träne sagte: Der Rekordweltmeister der Formel 1 wird am Ende dieser Saison nach 16 Jahren seine Karriere beenden. „Es war ein spezieller Tag“, sagte Schumacher kurz darauf mit brüchiger Stimme, die sich nur schwer gegen den Lärm durchsetzen konnte, den die Tifosi auf der Strecke verursachten. „Um es kurz zu machen, es wird mein letztes Rennen in Monza gewesen sein.“ Sein Nachfolger bei Ferrari wird wie erwartet der Finne Kimi Räikkönen, der in Monza noch im McLaren Zweiter wurde vor dem BMW-Piloten Robert Kubica, der in seinem dritten Rennen erstmals aufs Podest fuhr. Nick Heidfeld, der zweite BMW-Pilot, wurde Achter, Ralf Schumacher (Toyota) 15., Williams-Fahrer Nico Rosberg kam nicht ins Ziel. Weil der WM-Führende Fernando Alonso ausschied, verkürzte Schumacher seinen Rückstand mit dem 90. Sieg seiner Karriere drei Rennen vor Saisonende auf zwei Punkte.

Als Schumacher zum letzten Mal die Ziellinie des Autodromo Nazionale überquerte, dachte er an „alles mögliche, vor allem aber an meine Freunde und meine Familie. Ohne sie hätte ich in diesem Geschäft niemals überlebt.“ Er habe alle Momente geliebt, „die guten und auch die schlechten, die das Leben so besonders machen“, sagte Schumacher, während er sich bemühte, seiner Emotionen Herr zu werden. „Es war eine wirklich schwere Entscheidung. Aber eines Tages kommt der Punkt, wo alles mal zu Ende geht, und ich glaube, das ist er.“ Er denke nicht, dass er auch in Zukunft die Energie und die Motivation haben werde, die es benötige, eine Saison zu überstehen.

Es war wohl letztlich die bevorstehende Ankunft des stark eingeschätzten Kimi Räikkönen, die Schumacher in den Ruhestand trieb, obwohl er liebend gern noch weitergefahren wäre. „Ich wusste schon lange, dass Kimi zu Ferrari kommt und hatte von Ferrari alle Freiheiten hinsichtlich meiner Entscheidung bekommen“, sagte Schumacher. Es muss eine Qual für ihn gewesen sein, die Wahl zu treffen zwischen seiner „großen sportlichen Liebe“ Formel 1 und dem Risiko, von Räikkönen entzaubert zu werden. Als der neben ihm sitzende Räikkönen kurz die Gründe für seinen Wechsel aufzählte („Nach fünf Jahren McLaren brauchte ich etwas Neues“, „Ferrari ist ein gutes Team“), blickt ihn Schumacher kurz an. Es war ein vorwurfsvoller Blick, der sagte: Wegen solcher Banalitäten hast du mir mein Leben zerstört? Anfang Juli entschied sich Schumacher schließlich, weil sein Teamkollege Felipe Massa, dessen Vertrag auslief, die Entscheidung für seine Verhandlungsposition benötigte, und „ich wollte Felipe nicht eine große Zukunft verbauen“.

Über seine eigene hat Schumacher sich „noch keine Gedanken gemacht“, das könne er später noch. Doch den ersten Schritt in die Zeit nach dem Rennsport musste er schon am Sonntag unternehmen. „Sie werden auch in Zukunft stark sein“, sagte er mit sichtlicher Mühe, als er über das Team sprach, das er für zehn Jahre nur „wir“ genannt hatte. „Ferrari hat vor mir existiert und Ferrari wird auch nach mir noch existieren.“

Für die Formel 1 ist diese Erkenntnis nicht gesichert. Der Tag von Michael Schumachers Abschied markierte zumindest für Fernando Alonso auch den Tag, an dem die Rennserie starb. „Die Formel 1 ist für mich kein Sport mehr“, sagte der Weltmeister. Doch nicht der Rücktritt des Rekordweltmeisters veranlasste Alonso zu dieser Einschätzung, sondern die kontroverse Entscheidung der Rennleitung, die italienische Zeitungen als „Abschiedsgeschenk für Schumacher“ werteten. Weil Alonso den Ferrari-Piloten Felipe Massa im Abschlusstraining behindert haben soll, wurde er auf Startposition zehn degradiert. Schumacher nahm das Geschenk dankend an. Dabei hätte er die Unterstützung gar nicht benötigt: Zehn Runden vor Schluss platzte Alonso nach dem Kragen auch der Motor.

„Ich hatte ein bisschen Glück, ja“, bemerkte Schumacher nachher teilnahmslos. „Und nun …“, es folgte ein langes und schweres Ausatmen, „nun werde ich mich auf die letzten drei Rennen konzentrieren. Ich möchte das mit Anstand zu Ende bringen. Am besten mit dem Titel.“

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