Sport : Treffen mit der Stasi

Verdacht gegen DDR-Referee Kirschen

Robert Ide

Berlin - Er brachte es zu einem der bekanntesten und beliebtesten Schiedsrichter der DDR. Siegfried Kirschen durfte internationale Fußballspiele pfeifen und stand, im Gegensatz zu anderen, nicht im Ruf, den Stasi-Verein BFC Dynamo aus politischen Gründen zu bevorteilen. Doch nun gerät die Vita des unparteiischen Unparteiischen ins Zwielicht. In Stasi-Akten, die dem Tagesspiegel vorliegen, wird der heutige Präsident des Fußballverbandes Brandenburg als „Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit“ (GMS) des DDR-Spitzeldienstes geführt. Sein Deckname: „Friedrich“. Aus Unterlagen, die dem Historiker Giselher Spitzer zugänglich gemacht wurden, geht sogar hervor, dass sich Kirschen handschriftlich zur Mitarbeit verpflichtet hat.

Demnach schrieb Kirschen am 1. Oktober 1962, er wolle „auf freiwilliger und ehrlicher Grundlage“ Informationen über Vorgänge „innerhalb und außerhalb der Dienststelle“ an Vertreter der Staatssicherheit weitergeben. Kirschen begann in jenem Jahr sein Studium an der Offiziersschule in Frankenberg, später brachte er es bis zum Major der Nationalen Volksarmee. In der Stasi-Akte sind mehrere Treff- und Auskunftsberichte Kirschens aus den Siebziger- und Achtzigerjahren dokumentiert, in denen er auch persönliche Einschätzungen über Dienstkollegen abgibt. Die Stasi urteilte zufrieden über Kirschen: „Im Verlaufe der Zusammenarbeit wurden vom GMS Personen belastet.“ Außerdem wurde Kirschens „Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit“ gegenüber der Stasi gelobt.

„Ich habe nie jemanden bespitzelt, observiert oder Berichte verfasst“, hatte Kirschen, der am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen war, der „FAZ“ gesagt. Kirschen bestritt eine konspirative Tätigkeit und sprach von üblichen Treffen mit Stasi-Mitarbeitern im Rahmen der NVA. Die Treffberichte lassen zumindest keinen Zweifel daran zu, dass Kirschen gewusst hat, mit wem er sich einließ. Schließlich wurden diverse Codeworte vereinbart, etwa „Grüße von Friedrich“.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erklärte am Montag, er wolle sich mit den Vorwürfen gegen Kirschen befassen. „Wir werden uns einen Überblick über die Lage verschaffen“, sagte DFB-Mediendirektor Harald Stenger. „Dazu wird gehören, dass wir mit Herrn Kirschen sprechen.“ Die Aussage Kirschens, er sei Mitte der Neunzigerjahre vom DFB auf eine Stasi-Mitarbeit überprüft worden, konnte der Dachverband nicht bestätigen. Kirschen will nun juristisch gegen die Vorwürfe vorgehen. Er muss schließlich um seinen Posten als Präsident des Brandenburger Fußballverbandes fürchten, den er seit 16 Jahren innehat. Erst Ende Oktober wurde Siegfried Kirschen im Amt bestätigt.

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