Sport : Treffer und verfehlte Ziele

Die WM der Bogenschützen ist organisatorisch Gold wert, aber die deutschen Aktiven enttäuschen

Christian Tretbar[Leipzig]

Die innere Ruhe ist nicht still. Sie ist sogar sehr laut. Das Klacken der Pfeile im Köcher, das Schnalzen der Sehne beim Abfeuern der Pfeile und das leise Platschen, wenn das Geschoss auf die meterweit entfernte Scheibe trifft. Ringsherum kreischen Fans und Betreuer, wie beim Eishockey schallt in den Pausen die Musik aus den Lautsprechern. So hört sich innere Ruhe bei den Weltmeisterschaften im Bogenschießen in Leipzig an.

„Egal was passiert, das Wichtigste ist die Konzentration auf sich selbst“, sagt Manfred Baum. Und gute Schützen finden diese Stille, wie laut es auch ist. Als Fan ist Baum nach Leipzig gereist. Zusammen mit einigen Freunden aus Welzheim, die alle ihre türkisfarbenen Vereinshemden tragen. Dabei ist er mehr als Fan. Er ist Vorsitzender der SGI Welzheim, und „wir sind so etwas wie das Wimbledon im deutschen Bogensport“, erklärt Baum. Mehr als 50 Deutsche Meister hat der Verein 40 Kilometer nordöstlich von Stuttgart schon hervorgebracht, etliche internationale Turniere wurden im Schwabenland ausgetragen.

Und jetzt wollten sie eigentlich nach Leipzig fahren, um einen Weltmeister aus dem eigenen Land bejubeln zu können. Alle Verantwortlichen des Deutschen Bogensports hatten gehofft, es wie die Hockeyspieler, Handballer, Reiter und Fußballer zu machen: den Heimvorteil bei Weltmeisterschaften nutzen und gut abschneiden. Doch daraus wurde nichts. Nahezu alle Deutschen verabschiedeten sich früh aus dem Titelrennen. Das ist umso enttäuschender, da es bei dieser WM auch um die Startplätze für Olympia 2008 in Peking geht. Als einziger deutscher Schütze schaffte Jens Pieper gerade so die Olympia-Qualifikation. „Wir hatten uns mehr ausgerechnet“, gab der deutsche Bundestrainer Martin Frederick zu.

Das schlechte Abschneiden des eigenen Teams enttäuschte nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Verantwortlichen. „Ein besseres Ergebnis hätte das Interesse für die Veranstaltung sicher noch erhöht“, sagte Tom Dielen, Generalsekretär des Internationalen Bogensportbundes (Fita). So war er allein aus der Sicht des Funktionärs zufrieden. Leipzig erlebe mit 86 Nationen und mehr als 600 Athleten die größte WM aller Zeiten. „Und auch die am besten organisierte“, lobte Dielen. Eine besondere Attraktion ist die Wettkampfstätte selbst. Die Scheiben stehen direkt vor dem Glockenturm des alten Zentralstadions. Auf dem Dach einiger Container wurden Zuschauerterrassen errichtet, und für die beiden Finaltage an diesem Wochenende wurde ein kleines Stadion aufgebaut. Erstmals bei einer WM der Bogenschützen wurden Tickets verkauft, 3000, die alle längst vergriffen sind. In fünf Ländern werden die Finalkämpfe live übertragen, auch vom MDR.

Najmem Abiin aus dem Iran schätzt vor allem das friedliche Miteinander bei dieser WM. Zusammen mit ihren Mannschaftskolleginnen zieht sie über das WM-Gelände. Alle tragen sie Kopftuch und modische Sonnenbrillen. Sie lieben Bogenschießen. „Beim Fußball rennt man 90 Minuten und als Ergebnis hat man vielleicht mal zwei Tore, doch beim Bogenschießen führt jeder Pfeil zu einem Ergebnis“, sagte Abiin. Im Iran ist der Sport sehr populär, sogar aus religiösen Gründen. „Unsere Religion empfiehlt jedem zu reiten, zu schwimmen oder eben Bogen zu schießen, das hat bei uns Tradition.“

In Deutschland hat Bogenschießen zwar keine religiöse Tradition, aber Manfred Baum kennt einen anderen Grund, warum Bogenschießen keine Nachwuchsprobleme hat, auch wenn es eine Randsportart ist: „Jedes Kind hat schon mal Robin Hood gespielt.“ Da braucht man jedoch keine innere Ruhe – im Gegenteil.

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