Trend zur Langsamkeit : Der Handball entschleunigt sich

Handball ist in den letzten vier Jahrzehnten deutlich schneller geworden. Doch ganz unversehens ist es jetzt zu einer Art Konterrevolution gekommen, die auch bei der aktuellen Europameisterschaft zum Ausdruck kommt.

Erik Eggers
Die Renaissance des Abwehrchefs. Spielertypen wie Oliver Roggisch (rechts, hier im Verbund mit Michael Haaß bei einem Testspiel gegen Ungarn) sind wieder gefragt im Handball.
Die Renaissance des Abwehrchefs. Spielertypen wie Oliver Roggisch (rechts, hier im Verbund mit Michael Haaß bei einem Testspiel...Foto: dapd

Vor einigen Tagen zeigte das serbische Fernsehen ein Spiel aus der Steinzeit des Handballs, Jugoslawien gegen Rumänien, olympisches Turnier 1972 in München, die Bilder in schwarz und weiß, die Aktionen wie in Zeitlupe. „Habe ich lange nicht mehr gesehen“, sagt Horst Bredemeier. Der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, der die Nationalmannschaft bei der EM in Serbien begleitet, bestaunte die großen Spieler von damals, Gheorge Gruia, den rumänischen Torschützenkönig, Milan Lazarevic, den jungen Trainer Vlado Stenzel. Das Spiel von damals hat mit dem modernen Handball nicht mehr zu tun. „Wie langsam die waren! Unglaublich!“, sagte Bredemeier kopfschüttelnd.

Wenn Handball in den letzten vier Jahrzehnten schneller geworden ist, attraktiver, athletischer, belegt das die stürmische Entwicklung dieses Sports. Beschleunigt wurde dieses Spiel vor allem durch die Einführung der „Schnellen Mitte“ im Jahre 1996; seither hat jedes Team nach einem Gegentor die Möglichkeit des sofortigen Wiederanwurfs. Doch ganz unversehens ist es jetzt im Handball zu einer Art Konterrevolution gekommen, die auch bei der aktuellen Europameisterschaft zum Ausdruck kommt.

Ergebnisse wie das 24:24 zwischen Spanien und Ungarn sind normal, da die Abwehrreihen wieder das Geschehen dominieren. Die „Schnelle Mitte“ wird kaum angewendet. Das Spiel ist wieder so langsam geworden, dass sogar der Wechsel von Abwehr- zu Angriffsspezialisten keine Gefahr darstellt. „Vor zwei Jahren dachten alle, die Abwehrspezialisten sind eine aussterbende Spezies, aber inzwischen ist das wieder anders“, sagt Alfred Gislason, der Trainer des THW Kiel. Abwehrchefs wie Oliver Roggisch (Rhein Neckar-Löwen) erleben eine Renaissance.

Gislason favorisiert bekanntlich das schnelle Spiel, auch weil es ihm zufolge „weitere taktische Varianten ermöglicht“. Die Europameisterschaft in Serbien ist deshalb für ihn „ein Rückfall in alte Zeiten“. Warum das so ist, dafür liefert er verschiedene Erklärungen. Eine ironische Antwort ist, dass das Hin und Her auf dem Spielfeld die Funktionäre dieses Spiels, die naturgemäß konservativ sind und alten Zeiten anhängen, schlicht überfordert. „Vielleicht ist ihnen das zu bunt geworden“, sagt Gislason.

Der Isländer allerdings glaubt, dass diese Entwicklung kein Zufall ist, sondern dass auch die Regelauslegung dafür verantwortlich ist. Er hat beobachtet, dass die EM-Schiedsrichter bisher kaum „passives Spiel“ bei den Angreifern sanktionieren. „Ich weiß nicht, was passieren muss, damit die Schiedsrichter passives Spiel anzeigen. Manchmal können die Mannschaften die Angriffe zwei Minuten lang spielen“, rätselt er. Durch die geringere Angriffsfrequenz werde es physisch unterlegenen Mannschaften ermöglicht, den Abstand zu den Spitzenmannschaften wie Spanien oder Frankreich zu verringern.

Auch Stefan Lövgren stellt fest, dass sich das Spiel verlangsamt hat. „Das ist sicher ein Trend in diesem Turnier“, sagt der Ex-Profi vom THW Kiel, der als Teammanager die schwedische Nationalmannschaft betreut. „Die Schnelle Mitte wird kaum gespielt“, sagt Lövgren, „weil die Trainer inzwischen wissen, dass man so nicht dieses Turnier spielen kann, dafür ist die Belastung zu groß“. Dabei hat der europäische Verband als Veranstalter das schwerste Turnier der Welt inzwischen auf 15 Tage ausgedehnt; 2004, als Deutschland den Titel gewann, wurde das gleiche Programm noch in zehn Tagen durchgezogen. Für Lövgren ist die Schnelle Mitte allerdings keinesfalls tot: „Einige Mannschaften wie Frankreich werden schnell spielen, wenn es in den entscheidenden Partien um alles geht.“

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