Sport : Trennung wie bei Teenagern

Michael Ballack muss den FC Chelsea verlassen. Nach nur einem Treffen meldete sich der Verein einfach nicht mehr. Der 33-Jährige wägt nun Optionen von Schalke 04 bis Real Madrid ab

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Am Dienstagabend läutete bei Michael Ballacks Berater das Telefon. Michael Becker hatte sehr lange auf den Anruf aus London gewartet, doch der Chelsea-Offizielle am Ende der anderen Leitung hatte leider keine guten Neuigkeiten mitzuteilen. Ballacks Zeit an der Stamford Bridge sei nach vier Jahren zu Ende, erklärte der Klub-Vertreter. Am Mittwochmorgen folgte auf der Chelsea-Internetseite die offizielle Bestätigung. „Michael Ballack kam im Sommer 2006 ablösefrei zu uns und so verlässt er uns auch wieder“, hieß es dort, „wir danken ihm für seine Verdienste um den Klub und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.“

Die nicht ganz überraschende Nachricht wurde im Umfeld des verletzten Nationalmannschaftskapitäns mit Enttäuschung, aber auch einer gewissen Erleichterung aufgenommen. „Es ist gut zu wissen, woran man ist“, sagte Becker. Der Rechtsanwalt war wie sein Klient zuletzt ein wenig müde geworden, sich aus der kapriziösen Vorgehensweise des englischen Double-Gewinners einen Reim zu machen. Die von Chelsea an die Medien gestreute Erklärung, unüberbrückbare Differenzen bei den Gehaltsvorstellungen seien für das Scheitern der Vertrages verantwortlich, ist in Wahrheit ebenso wenig zutreffend wie die Annahme, Chelsea und der 33 Jahre alte Mittelfeldspieler hätten sich nach einem zähen Ringen um die Laufzeit des Kontrakts letztlich nicht einigen können. Im Grunde gab es nämlich überhaupt keine detaillierten Gespräche, sondern nur ein von den Londonern im Februar unterbreitetes Angebot, die Zusammenarbeit für leicht geringere Bezüge (um die Zehn-Millionen-EuroMarke) um eine Saison zu verlängern. Ballack, der die Europameisterschaft 2012 als letztes großes Karriereziel ins Auge gefasst hat, wollte dagegen Planungssicherheit für zwei Jahre. Als Becker mit dem Chelsea-Vorsitzenden Bruce Buck und Sport-Direktor Frank Arnesen über Kompromisslösungen – weniger Geld im zweiten Jahr oder eine von absolvierten Pflichtspielen abhängige Verlängerung – reden wollte, traf er auf Verhandlungspartner, die von Klub-Eigentümer Roman Abramowitsch offensichtlich keine Autorität zum Verhandeln erteilt bekommen hatten.

Ergebnislos trennte man sich nach einem ersten Treffen, es sollte das letzte bleiben. Chelsea verschob die Gespräche offiziell bis an das Saisonende, kam nach dem FA-Pokalfinale aber weder auf Ballack noch auf den ebenfalls am Mittwoch freigestellten Mittelfeldspieler Joe Cole zurück. Man hoffte wohl, sich der Spieler so entledigen zu können, wie es Teenager machen, wenn sie sich vom Partner trennen möchten: einfach nicht mehr melden und hoffen, dass der andere in der Zwischenzeit selbst eine eigene neue Liebe findet.

Dass Trainer Carlo Ancelotti dem derzeit in Florida urlaubenden Ballack noch vor ein paar Tagen versicherte, mit ihm für die nächste Saison zu planen, ist nur ein kleiner Trost für den Deutschen.

Zu den Spekulationen um eine Rückkehr Ballacks nach Deutschland wollte Becker keine Stellung nehmen; man würde die Angebote in Ruhe prüfen, hieß es. Der vielfach kolportierte Wechsel zum FC Schalke 04 wird schon aus finanziellen Gründen wohl eher nicht zustande kommen. Trainer Felix Magath wollte sich am Mittwoch auf Nachfrage jedenfalls nicht zum Thema Ballack äußern. Wolfsburg oder der HSV sind schon eher in der Lage, den Ansprüchen des ehemaligen Münchners gerecht zu werden; vielleicht kommt es sogar zu einem romantischen Wiedersehen in Leverkusen. „Zwischen Bayer und Michael Ballack herrschte immer eine besondere Beziehung“, sagte Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Eine andere Frage ist, ob so etwas für uns zu finanzieren ist. Ich habe da meine Zweifel.“

Sportlich gesehen wäre das Ausland natürlich interessanter, der Rekonvaleszent möchte nach wie vor unbedingt die Champions League gewinnen. Es gibt sogar schon erste Kontakte zu Real Madrid, wo Ballacks alter Trainer José Mourinho nach eigenen Worten „reife Spieler“ bevorzugt. Champions-League-Sieger Inter Mailand hat über einen Mittelsmann ebenfalls schon die Lage sondiert. Der Sommer wird für Ballack also auch ohne WM interessant werden. (mit jst)

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